Gräfin. Bedauern sie sie nur. Unten warten zwei Notare, die ihren Heirathsvertrag aufsetzen, ich lasse ihr verschreiben, was sie meinem Wunsche begegnend, empfangen hätte. Ich behalte die Beiden, sie mögen hier wohnen, meine Kinder sein: schelten sie doch die harte Tirannin!

Marquise. Nein, nein, sie sind gütig, duldend, hochherzig, die nahe rasche Entwicklung tilgt mein Mitleid, und wahr bleibt es, Sophie hätte ihnen entdecken sollen —

Gräfin. Ja wohl, doch ich entschuldige sie. Der Chevalier band ihr auf, ich fühle Liebe für ihn, nur die Zeit würde mich heilen, mir Kraft zum Aufopfern geben. Sophie fühlend, romanhaft, glaubte. Der Geliebte leitete sie, demungeachtet verbirgt ihre Unbefangenheit sich so wenig gewandt, daß es nur meinen Willen gegolten hätte, und das Geheimniß war mein. Der Vorwurf meiner Rache ist er, mit seiner Falschheit, dem sträflichen unbedachtsamen, platten Leichtsinn. Ihm gilt es!

Marquise. Meinen sie aber, er könne mit dieser Denkart ihre Nichte beglücken?

Gräfin. Sie ist Wittwe, Herrin über sich, wählte allein; übrigens hat er freilich tausend Gebrechen, doch zum Erstenmale liebt er wahr, er betet Sophien ja an. Und er ist doch auch wacker, von achtbaren Eigenschaften, Name, Vermögen — billigt die gesunde Vernunft Sophiens Wahl nicht unbedingt, was kann sie viel einwenden?

Marquise. Welche Pein sie ihm bereiten; doch die Erscheinung der Notare gleicht alles aus.

Gräfin. So? Ah sie kennen ihn wenig. Das Lustige ist, er kömmt nicht mehr davon, muß den Heirathsvertrag zeichnen, diesen Abend, muß entzückt sein, vom Himmel, vom Göttlichen reden — und er fühlt dennoch nicht die mindeste Neigung zu einer so frühen Ehe.

Marquise. Ah —

Gräfin. Ein Herz ohne Tadel, doch ein Sinn für Freiheit — sie kennen das alles noch nicht. Wie er es jetzt treibt, trieb er es gern noch lange. Ihn entzückt das Umhergaukeln, wohl denkt er Sophien einmal zu heirathen, aber das drängt, das preßt ihn noch wenig. Erst noch Roman auf Roman. Bisher kannte er nur die Genugthuung, zu gefallen; die höhere, geliebt zu sein, beugte die üppige Eitelkeit noch keineswegs nieder, alle Frauen die ihm liebenswerth erscheinen, zu unterwerfen. Und das gelingt ihm besonders durch eine ungemeine Geschmeidigkeit der Phantasie, die ihn alle Eindrücke auf das lebendigste in sich aufnehmen läßt. Andere Männer ergreifen den Schein, er darf nicht heucheln, sein leichter Flug der Begeisterung giebt die Wahrheit selbst; er glaubt selbst an seine Eide; so betrügt er ohne zu hintergehn, ist ohne Treulosigkeit wankelmüthig.

Marquise. Sophie, ich beklage dich!