Indessen begannen die Posadniks zu scherzen und zu plaudern, bald ließ sich auch eitle Prahlsucht vernehmen. Einer rühmte sich dies, der andre das. Der lobte sein schönes Pferd, jener seine junge Frau. Hier wurde mit Reichthum, dort mit Leibesstärke groß gethan. Wieder einer prunkte mit Klugheit. Sie schrien alle auf Einmal. Doch Basil, Sohn des Boguslav, ließ sich durch solch Beispiel nicht anlocken. Er brach sein Schweigen nicht, mogten sie prahlen nach Herzenslust. Endlich redeten der weise Tschoudin, und der reiche Satka ihn also an: „Warum bleibst du allein stumm, fürstlicher Jüngling? Wohl könntest du deine Vorzüge rühmen!“ Und der junge Prinz gab bescheidentlich zur Antwort: „Posadniks, ihr seid Männer hoher Achtung werth. Euch ziemt es frei und kühn zu reden. Wie aber sollte ich mich vor euch preisen, ich ein Jüngling noch, und verwaist? Wohl besitze ich einiges Gold, Silber, Edelgestein, doch bin ich es nicht, der die Schätze zu erwerben wußte. Auch ich werde einst zur Reife gedeihen, und dann sei es mir auch vergönnt, mich den andern gleich zu stellen.“ Die Posadniks waren verwundert, ob der bescheidnen und verständigen Rede, flüsterten einander zu, und pflogen ferneren heimlichen Rath. Da ihr Entschluß genommen war, füllte Tschoudin einen großen Humpen mit starkem Wein, und brachte ihn dem Prinzen mit den Worten: „Wer liebt der Slaven Lande, und das große Novogrod, leeret den Humpen!“ Nun konnte Basil sich nicht weigern, er faßte das Geschirr, und trank bis zum letzten Tropfen. Aber da nun die Posadniks in der vorigen Weise fortfuhren, erhitzte der Geist des Trankes des jungen Prinzen Gehirn, und nicht weiter vermogte er an sich zu halten.
„Ihr Gecken, rief er aus, wisset wer Basil ist, der Sohn des Boguslav, und schweigt! Basil ist Herr über Reussen, alle Lande der Slaven sind ihm unterthan. Novogrod soll ihm Tribut zahlen, und die Posadniks in seiner Gegenwart knien.“
Bei diesen Worten fuhren die Posadniks zornig auf. Sie erhoben sich von den Sitzen und schrien allzumal: „Nein, nicht gebieten wirst du über der Slaven Lande, nicht beugen wollen wir uns vor dir. Tirannensinn brütet dein bösartig wildes Gemüth, und es thut uns kein Herrscher Noth. Darum räume unsere Stadt, das Reich, und das morgen wie der Tag beginnt. Und wirst du nicht im Guten dich fügen, soll Gewalt dich zwingen.“
„Ich fürchte weder euch noch jemand auf Erden,“ antwortete der Prinz. „Waffnet ganz Novogrod gegen mich, ich werde euch die Spitze bieten, und fragen, wer mich zwingen will, mein Reich zu meiden? Denn Novogrod gehört mir, ihr alle seid meine Unterthanen.“ Hier stand er auf, schritt durch den erboßten Haufen, der ihm Platz öffnete, und verließ den Festsaal und das Rathhaus.
Da er entfernt war, lachten die Posadniks seiner Drohungen. Was will dies Kind, riefen sie, denn so hieß man den Prinzen in der Versammlung. Demungeachtet beschloß man zur Stelle alle Truppen von Novogrod unter die Waffen zu sammeln, daß man den Prinzen zur Entfernung zwänge.
„Sein junges Gebein, rief Satka, soll auf der Haide bleichen, blos dem Regen und Schnee, denn wie leistet der Knabe uns Widerstand?“
Von allen Thürmen brüllte die Sturmglocke, wer das Schwert führen konnte, traf eilig auf dem Sammelplatze ein. Wie die gute Dame Amelpha Timophejewna es vernahm, forschte sie nach der Ursache, und da sie erfuhr, des Sohnes verwegene Rede habe der Posadniks Wuth entflammt, eilte sie in sein Gemach, ihn ernst zu schelten. Da ihr aber sein Zustand sichtbar ward, nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn in ein Kellergewölbe, wo er weilen sollte, bis die Dünste der Trunkenheit durch den Schlaf zerstreut wären.
Hierauf begab sich Amelpha Timophejewna in die Kammern, welche ihre Schätze bewahrten. Sie ersah einen goldenen Kelch, den sie mit mancherlei edlen Steinen füllte, mit Rubinen, Smaragden, und Diamanten. Nun erschien sie, von ihren Frauen begleitet, im Rathhause, wo die Posadniks anwesend waren. Indem sie den Saal betrat, neigte sie sich tief, dann wurde der reiche Kelch auf die Tafel gestellt, und süße Worte schmeichelten den Männern. „Verzeihet seinem Leichtsinn, flehte sie, verzeiht der unbesonnenen Drohung in der Lust des Weins entflohn. Gedenkt seiner Jugend, und wollt ihr das nicht, vergesset aus Liebe für den verstorbenen Fürsten Boguslav, der sich verdient machte, um euch und Novogrod die große!“
Doch Bitte und Herablassung vermehrten nur der Posadniks Stolz, und frech antworteten sie ihrer Fürstin: „Hinweg von hier, betagte Frau! Nichts haben wir mit dir zu schaffen, und nicht thun uns Noth deine Steine und dein Gold. Wir wollen nur den Kopf deines verwegenen Kindes.“ So schrien sie allzumal.
Bittre Thränen vergießend, kehrte die gute Dame nach ihrer Burg zurück. Sie befahl alle Pforten zu schließen, und harrte ungeduldig auf den Ausgang der widrigen Begebenheit.