Die gute Dame ward gerührt, sagte den Posadniks die Gewährung ihrer Bitte zu, verneigte sich dann, und entließ sie freundlich. Gleich ließ sie den Prinzen rufen, und ermahnte ihn mütterlich: „Um Gottes Willen, mein lieber Sohn, treib es nicht mehr mit Alt und Jung auf den Gassen von Novogrod. Dir ward die Kraft eines Ritters, aber nicht guten Brauch weißt du davon zu machen, denn der, dem du die Hand angreifest, ist um seine Hand, der, dessen Kopf du erpackest, ist um seinen Kopf. Das Volk murrt, und die Posadniks kamen zu mir, Klage zu führen. Empörten sie sich wider uns, was vermögten wir doch? Du hast keinen Vater mehr, ich bin eine schwache Wittwe. Würde deine Leibeskraft es mit Tausenden wagen? Wer zählte die Bürger in Novogrod? Darum mein lieber Sohn, empfange treuen Rath, und gehorche der liebenden Mutter!“

Basil, Sohn des Boguslav, horchte unterwürfig, und da Amelpha Timophejewna geendet hatte, beugte er sich tief und antwortete bescheidentlich: „Meine gute Mutter! Wenig kümmern mich die Posadniks, wenig die Bürger von Novogrod, aber viel deine wackre Ermahnung, und dein mütterlicher Rath. Ich verheisse dir, nimmer in den Straßen Kurzweil zu pflegen; wie aber üb’ ich künftig meinen starken Arm? Hast du mich geboren, daß ich nur am Ofen mich wärme? Wozu empfing ich diese ritterliche Mannhaftigkeit? O die Zeit wird kommen, wo die Posadniks erbeben, das ganze Land der Reussen mir das Knie beugen soll. Doch jetzt leiste ich dir noch Gehorsam. Vergönne nur, daß ich mir einige Kameraden auswähle, mit denen ich mich herumtummeln, und Ritterspiel üben mag. Gieb mir Hypokras[2] und Bier, daß ich die Stärksten und Kräftigsten lade, und Kampfgenossen finde, die meiner werth sind.“

Die Bitte fand Gehör. Amelpha Timophejewna ließ vor die Burgpforte Tonnen mit Hypokras und Bier stellen. Humpen aus gediegnem Gold, befanden sich daneben, und Herolde riefen durch Novogrod: „So jemand in Lust und Ueberfluß zu leben gedenkt, und sich schmücken mag mit reichen Kleidern, der zeige sich vor dem Pallaste Basils, Sohn des Boguslav. Doch zuvor prüfe er der Gebeine festen Bau, denn nur die Kühnen und Markigten liebt Basil, Sohn des Boguslav.“ So riefen die Herolde vom Morgen zum Abend, doch niemand erschien. Auch blickte der Prinz neugierig durch sein Gitterfenster nach Ankömmlingen aus, aber Niemand wagte die Tonnen zu berühren.

Endlich gegen die Nacht ließ Fomuschka der Lange sich an der Pforte sehn. Er nahte einem der eichenen Gefäße, ergriff einen gewaltigen goldenen Humpen, füllte ihn mit Hipokras bis zum Rand und schlürfte ihn in einem Athemzuge. Wie Basil dies gewahrte, stieg er eilig in den Hof nieder, wo Fomuschka der Lange sich befand, und versetzte ihm mit seiner schweren Keule einen tölpischen Schlag hinter das rechte Ohr. Fomuschka bemerkte den Schlag wenig, kaum wich die struppigte Locke seines schwarzen stieren Haares der Keule. Da hüpfte dem jungen Prinzen das Herz freudig. Er nahm Fomuschka bei der Hand, zog ihn die Treppe hinauf, brachte ihn in sein vergoldet Gemach. Hier umhalsete er ihn, und beide schwuren sich den Rittereid, als Brüder und Waffengefährten treu an einander zu halten, zusammen zu leben und zu sterben, zu trinken aus einem Humpen, zu speisen von einem Gericht. Endlich mußte sich Fomuschka an die eichene Tafel setzen, Zuckerwerk und Wein wurden aufgetragen, und man ließ sichs wohl seyn, in Jubel und Lust.

Zur andern Frühe, da Basil wieder durch das Gitterfenster spähte, ob niemand käme, an seinen Tonnen zu trinken, erschien Bogdanuschka der Kleine. Dieser trat an das Bier, warf den goldnen Humpen zur Erde, hob eine große Tonne an den Mund, und leerte sie, ohne daß er einhielt, bis zum letzten Tröpflein. Basil rief den Gefährten. Sie nahmen zwei starke eiserne Lanzen der Rüstkammer, eilten hinab, und schlugen mit Leibeskraft auf des kleinen Trinkers Schädel. Doch Sieheda! in tausend Splittern brachen die Spieße, Bogdanuschka ward es kaum gewahr. Diese Probe entzückte Jene, sie nahmen ihn in die Mitte, geleiteten ihn durch den weiten Hof, über die schöne Treppe hinauf in das vergoldete Gemach. Hier Umarmung und Schwur der Treue und Bruderschaft bis zum Tod.

Bald verkündete ein Gerücht: Basil, Sohn des Boguslav wählte die riesenstärksten Jünglinge zu Gefährten, und schloß mit ihnen brüderlichen Verein. Die Posadniks schöpften Besorgniß, und beratheten wieder. Nachdem jeder seinen Platz eingenommen, trat Tschoudin der erfahrne Greis, in des Saales Mitte, neigte sich nach allen vier Seiten, zog wiederholt den weißen langen Bart durch die Hand, und sprach also: „Höret mich, Posadniks von Novogrod, und ihr alle, Männer des Volkes der Slaven die hier versammelt sind, höret mich! Bekannt ist es euch, wie unser Reich des Herrschers ermangelt, denn minderjährig ist der Sohn des Boguslav, und bis er das Mannesalter wird erreichen, sind wir Herren von Novogrod, und von den Landen im Umkreis.

Doch der fürstliche Jüngling, bestimmt, einst über uns zu gebieten, verheisset keine freundliche Hoffnung. Kaum den Knabenspielen entflohn, zeiget er bösartigen hochfahrenden Sinn, Grausamkeit ist seine Kurzweil. Waisen und Wittwen rufen schon in großer Zahl Wehe über seine Ergötzungen. Nun treibt er es mit den wildartigsten Burschen des Landes. Und warum? In guter Absicht? Dies lasset uns erforschen. Geben wir ein festlich Mahl, den jungen Prinzen zu laden. Hier mag sich enthüllen, welche Gesinnungen für das Oeffentliche seine Brust verschließt. Einen großen Humpen starken Weines wollen wir ihm darreichen. Schlägt er ihn aus, sehn wir ein übel Zeichen, Bedenkliches führt dann der Sohn des Boguslav im Schilde. Trinkt er, wird die Verstellung aus dem muthwilligen Geiste weichen, wir entdecken, was er in Herzens Tiefen birgt, denn Wahrheit ist im Wein! Gewahren wir nun tückisches Vorhaben, schlagen wir ihm ohne Zaudern sein Haupt ab, denn wohl leben andre Fürsten in Rußland, unter denen die Auswahl zu treffen ist, und gäbe es deren nicht, nun so könnten wir ihrer auch entrathen.“

Hier erhuben sich alle Posadniks, und machten dem weisen Tschoudin ihre Verbeugung; dann rief es rund umher, wie von einer Stimme: „Ehre deiner Weisheit! Es geschehe was du willst!“

Schon mit dem Anbruch des folgenden Tages begannen die Vorbereitungen zum Feste. Im großen Saale des Rathhauses wurden lange Tafeln von Eichenholz hingereiht, bedeckt mit weißen Tüchern. Reichlich trug man Backwerk und Confekt auf, sauber geordnet in den Schüsseln. An den Wänden entlang prangten stattliche Tonnen mit Wein und Bier, über ihnen hing köstliches Trinkgeschirr aus Gold, Silber und theurem Holz. Da alles bereit stand, wurden etliche Posadniks nach der Burg entsendet, die Fürstin zu laden, und den Sohn. Nachdem sie ihren Auftrag ehrerbietig vollendet hatten, gab die gute Amelpha Timophejewna ihnen diesen Bescheid: „Spiele und Tänze sind für mich dahin, die Tage der Freude vorüber. Wie meines Lebens Sonnenstrahl noch glänzte, da mir der Gemahl, euer Gebieter, noch zur Seite stand, hab auch ich des Frohsinns Wonne gekostet, aber nun, da meines Lebens Sonnenstrahl entfloh, weil’ ich traurig im einsamen Gemache. Geht indessen zu meinem Sohne Basil, vielleicht schmückt seine Jugend eure Feier, so ihr ihn bittend begrüßt.“ Nach diesen Worten eilten die Posadniks, den jungen Prinzen zu sehn, und baten unterwürfig: zu schmücken ihr Fest durch seine Jugend. Basil verhieß zu erscheinen, wenn anders Amelpha Timophejewna einwilligte, und begab sich zu ihr. Darf ich dem Mahle der Bürger von Novogrod beiwohnen? fragte er. Die gute Mutter war es zufrieden, und ertheilte dem Sohne manchen belehrenden Wink, über das Betragen, welches er unter den heuchelnden Posadniks anzunehmen hätte, die sie gar wohl kannte. Trinke, mein Sohn, warnte sie, aber trinke nicht zu viel, listig sind die Posadniks, durchblicken wollen sie dich. Sei wacker auf deiner Hut, und so sie prahlen mit ihrer Kraft, ihrer Weisheit, ihren Reichthümern, so mögen sie prahlen. Schweige, und prahle nicht. Vor allen Dingen sei artig und herablassend, kränke Niemand durch unhöfliche Manier! — Nach dieser Rede schloß sie den Prinzen in ihre Arme, und dieser begab sich in den festlichen Kreis.

Die Posadniks empfingen ihn an den untersten Stufen der Treppe, und geleiteten den Prinzen in den Festsaal. Sie wiesen ihm gebückt den Ehrenplatz an, doch Basil verbat ihn, und ließ sich am Ende der Tafel nieder. Nun faßten sie ihn artig unter den Arm, führten ihn oben hin und sprachen: „Hier gebührt es dir, dich zu setzen, Sohn des Boguslav, dies ist dein Platz! Oft hat ihn der Fürst, dein Vater, eingenommen.“ Hierauf reichten sie ihm einen Humpen süßen Weins, und Basil trank, aß auch von dem Backwerk und Confekt, womit er bewirthet wurde. Doch trinkend und speisend saß er da, wie eine züchtige Jungfrau, und kein Wort entfloh seiner Lippe.