Ich. Also meint ihr, daß von solchen Trennungen etwas Ersprießliches ausgehn werde?

Der Gilimerier. Allerdings! Unsre vielen hohen Schulen sichern noch mehr die Freiheit des Denkens. Die Tiefe der Wissenschaft, die Höhe der Spekulation, das sind die Punkte, wo die Gilimerier sich vereinen.

Ich. Nun gut, wo wohnt denn also das Landesoberhaupt?

Der Gilimerier. In Lekria.

Lachend trat hier ein Andrer hinzu. Was, in Lekria wohnte das Landesoberhaupt? Ha ha ha ha! Wie lange wurde ihm dieser Anspruch schon geschmälert, und nun — nun — entsagte der Welik nicht selbst? Der Erste war übel mit jener Einwendung zufrieden. Er wollte entgegnen und hub an: Die Gilimerier

Chilimerier heißt es, unterbrach ihn ein Dritter, und nun erhob sich ein hitziger Streit, worin jeder Theil Beweise für die Güte seiner Aussprache, und Rechtschreibung des Volksnamens, mit ermüdender Weitläuftigkeit auskramte. Gemach, unterbrach ich die erhitzten Köpfe bald, ein Volk, das sogar darüber nicht Eins ist, wie es heißt, kann schwerlich wohl in Sachen von Gewicht zusammenklingen. Doch, ich werde das ja alles näher sehn.

Hier reiste ich ab, und kam nach einer ziemlich weiten Reise in Lekria an.

Es ist eine sehr große Stadt, von entzückenden Umgebungen, doch eben keiner schönen Bauart. Der Gassen Volksgedränge, die wohlgenährten Körper und ruheverkündenden Gesichter sprechen den Reisenden zuerst an. Viele Tempel sind auch in Lekria zu sehn, und an feierlichen Tagen wird der Cultus darin auf eine rührende und erhabene Weise vollzogen. Ich erkundigte mich bald nach der Natur dieses Gottesdienstes, und erfuhr, daß die Gilimerier den Crodo anbeten, der aber in den Ober-, Mittel- und Unter-Crodo abgetheilt ist. Daneben aber verehrt man die Freja, den Büsterich, und noch eine Menge kleinerer Büsterichs, was eigentlich verstorbne Gilimerier sind, die sich als Heroen der Frömmigkeit auszeichneten, und eine Art Apotheose empfingen. Zufolge des weiten Abstandes, welchen die Demuth sich maas, betet sie wenig zum Crodo, sondern wendet sich an die Büsterichs, welche Vorbitte leisten sollen. Die Druden kann man in jeder Gestalt zu sehn bekommen. Man kann sie sich auf den Stufen einer großen Pyramide denken. Die unterste zeigt meistens unmanierliche Gesellen aus dem Pöbel, in ekelhafte Lumpen gehüllt, den Bettelsack neben sich. Sie wird für die verdienstlichste gehalten, aber Söhne von Geburt oder Mitteln verirren sich selten zu ihr. Auf der andern wird man schon artige Kleider und rauchende Tafeln gewahr, und hübscher Leute Kind läßt sich aufnehmen. Von der dritten strahlen Tressengewänder und köstlich Tempelgeräth, dampfen pikante Saucen, duften würzhafte Weine entgegen. Dann sieht man höher hinauf Druden, welche wieder Druden mancher Art unter sich, daneben über ergiebige Ländereien zu gebieten haben. Die Geschäfte bei ihrem Amte muß ein Unterdrude um ein Geringes versehn, und sie pflegen des Lebens. Hier treten Grauen der untern Klassen schon mit Vergnügen ein, und weil mit der Drudenstelle das Incommodum verbunden ist, daß man keinen weiblichen Mund mit den Lippen berühren darf, so wird eine Art Flor dazwischen gelegt, der aber kaum zu merken ist. Ferner erblickt man Druden, die nicht nur Städte, Dörfer, und Ländereien von großem Belang unter sich haben, sondern auch Soldaten zu Pferd und zu Fuß halten, deshalb ihre Residenz der Sitz eines sehr kriegerischen Fürsten zu seyn scheint. Vornehmere Grauen, ja die nachgebornen Söhne des Weliks drängen sich zu den einträglichsten zu diesen Stellen. Von dieser Art Druden giebt es die meisten in Gilimerien (oder man fand sich mit einer Ausnahme allein da) wenn schon die Crodoische Religion auch in vielen Ländern gilt. Noch höher stehen die Druden, welche den Drududu, d. i. den Oberfürsten aller Druden zu kühren haben. Es giebt viele unter diesen Aemtern, wohin nur eine vorgeschriebene Edelbürtigkeit nicht nur des Kandidaten, sondern auch einer gewissen Zahl seiner begrabenen Verwandten gehört, doch immer nur auf den oberen Stufen, zu den untersten kann nahen, wer Lust hat. Endlich ganz oben steht der Drududu, im glänzendsten Pomp. Bei dem allen, haben die letzteren Zeiten Ereignisse mit sich geführt, welche sowohl dem Drududu, als den übrigen Druden, Macht, Einfluß, und Reichthum bedeutend schmälerten.

Meine Aufnahme in Lekria war gastfreundlich. Ohne empfohlen zu seyn, machte ich da und dort an öffentlichen Orten, Bekanntschaften, und ward bald in dies, bald in jenes Haus geladen. Die Essen, welche man auftrug, die Weine, die man mir vorsetzte, waren ausgesucht. Dazu giebt es in Lekria vortreffliche Schauspiele, und dicht dabei hinreissend schöne Lustwandelgänge. Es würde mir ohne ein Paar Widrigkeiten, ein bezaubernder Aufenthalt geworden sein. So aber höre man weiter:

Wie gut ich immer aufgenommen war, so langweilten mich oft die Gesellschaften. Denn die Damen (sehr liebenswürdig, was die Sache empfindlicher macht) wandten sich frostig von mir, und unterhielten sich mit jungen Herren desto feuriger. Die Männer redeten, außer wenn sie zu Essen mahnten, wenig, oder auch es waren Alltagsgespräche. Da ich mich nun genau von der Gilimerier Weisheit unterrichten wollte, so ergriff ich verschiedentlich das Wort, und lenkte eine Unterhaltung über religiöse, philosophische oder politische Gegenstände ein. Da that nun Einer, als verstände er mich nicht, ein Andrer blickte mich mit Mißtrauen an, und brachte etwas Gewöhnliches zur Sprache, ein Dritter sagte wohl gutmüthig: Lassen wir das an seinen Ort gestellt sein, und leeren die Flasche! Hin und wieder fand ich denn aber doch offnere, und sehr unterrichtete Männer. Diese ließen das gescheuteste Urtheil, was man nur erwarten kann, hören. Einen solchen fragte ich denn auch einst: Worin besteht aber die so gerühmte Weisheit der Gilimerier? Er gab mit Lachen zur Antwort: Das erörtre im Allgemeinen wer Lust hat, nur in Lekria und dem ganzen Gebiete des Groß Weliks, besteht die Weisheit darin, die Weisheit von dem Volke entfernt zu halten, so entgeht es ihren Gefahren.