Gleich war ich hinüber. Vor eben nicht vielen Zuhörern stand ein Mann, der so wenig repräsentirte, vielleicht noch weniger wie ich, Signor Perotti. Aber von viel gewaltigerer Stimme war er, wie ich es besonders seit einem gewissen Zeitpunkte bin. Der Saal war ohne Schmuck, hatte sogar ein dürftig Ansehn, das that jedoch der Weisheit keinen Abbruch. Mein Mann schloß heute seinen Vortrag, da er nach einer andern Lehrstadt ziehen wollte. Ich hörte nur die letzten Worte noch. Sie klangen ungefähr: „So hab ich ihnen denn das einzig wahre, nur wahr mögliche, nothwendig ewige System der Weltweisheit dargestellt. Ich bewies unumstößlich, daß alles vor mir, den Pfad des Irrthums wandelte, die Nachwelt kann nur meinen Weg einschlagen. Sie sind geweiht, gehn sie, und lehren die Menschheit!“

Diese hohen Worte ließen mich bedauern, nicht des Mannes ganzen Vortrag gehört zu haben. Ich klagte das dem Gastwirth, den ich unter Büchern und Papieren vergraben fand. Zu meiner nicht geringen Befremdung war er Mitarbeiter an einem großen kritischen Institut, das alle Werke des Geistes richtete. Er tröstete mich, und versprach, um ein Geringes, die geschriebenen Hefte von der Lehre, welche ich wünschte, herbeizuschaffen. Mich einstweilen zu unterhalten, las er mir eine Kritik über ein neu erschienenes Buch vor, womit er war beauftragt worden. Nie hab ich so viel hämischen Witz, Gallsucht, und in stattliche Worte gekleidete Grobheit gepaart gefunden. Wirklich, ich mußte diesen Meister loben und verachten. Doch noch nicht ganz war er zu Ende, als jemand anpochte. Es war ein Bote von Lyrtonia, mit einem Briefe an den Kunstrichter. Ehrerbietig erbrach er ihn. Ach, wandte er sich, nachdem er hineingeblickt hatte zu mir, das ist ein Anderes, ja ja, das ist ein Anderes, und stellte sich flugs an das Schreibepult.

Ich verstand ihn nicht, und begab mich auf mein Zimmer.

Unter Andern hatte ich erfahren, daß in einigen Tagen ein neuer Lehrer der Weltweisheit, an dem Platze des Mannes, welchem ich das Ohr geliehn hatte, erscheinen würde. Dies wartete ich ab, indem ich mir die Zeit mit Spaziergängen in den gar anmuthigen Gegenden vertrieb. Der Tag kam heran. Ich saß vor dem Lehrstuhl. Der Weise trat auf, und hub an: „Alles was mein Vorgänger gesagt hat, ist nichtig, ich erkläre ihn für einen grundlosen Schwätzer, noch gab es keine Weltweisheit, hier aber ist eine:“ Nun zählte er eine Art Buchstabenrechnung auf, womit er der menschlichen Denkkraft Anschaulichkeit zu geben strebte, und vertiefte sich so in Unverständlichkeit, daß ich gern davon lief. Zu Hause nahm mich mein kritischer Gastwirth in sein Zimmer. Hören sie nun meine umgeformte Kritik, sprach er. Mir kam ein Wink von bedeutender Hand zu, da galt es, in einen andern Ton zu fallen. Jetzt hatte er eine Lobschrift gefertigt, die nicht preisender, ausschweifender, ja kriechender sein kann, lachte hoch auf während ihrer Mittheilung, und erwartete mein Bravo über seine Gefügigkeit, das ich ihm freilich nicht versagen konnte.

Ich hatte genug, und schlug die Straße nach Zigzig ein. Hier sind die Haupt-Bücherniederlagen der Gilimerier, auch bringt man auf den alljährigen Buchmarkt mehrere Tausend neue Werke. Wie mußte ich staunen, als ich in die weitläuftigen Läden trat! Die Abtheilungen aller Materien, machte allein eine ziemliche Schrift, die Aufzählung aller vorhandenen Bücher, ein ungeheures Werk in vielen Bänden. Was giebt es Gutes unter dem Neuesten, fragt ich: z. B. der Religion? Der Buchhändler gab mir einige Sachen in die Hand, und ich blätterte. Sie vergriffen sich, sagt ich, das sind ja Sätze gegen den Crodoismus. Vielleicht Freigeistereien. — Nein, nein! — „Ich habe wenig Zeit. Auch etwas von neuerer Aufklärung!“ — Eine Menge neuer Schriften lag vor mir. Ich sah hinein. „Aber mein Herr, ich empfange immer das Entgegengesetzte. Hier find ich ja nur das Lob der Büsterichs und Druden.“ — Ich versichere, daß das die neueste philosophische Moral ist.

Nun konnte ich nicht umhin, die Fabrike im Allgemeinen sehr zu loben, denn Veränderung der Waare ist allerdings ein vortrefflicher kaufmännischer Grundsatz.

Ich verließ Zigzig, um so früher, als die durch den Ruf der großen Stadt Plapria oder Martialia entflammte Neugierde mich trieb, und nach wenigen Tagen, zog ich in ihre langen perspektivischen Straßen.

In der That, überall viel blendende Pracht, und eine so regelvolle Ordnung der schönen Gebäude, wie ich nirgends sah. Zugleich aber auch das Bild des Elends. In allen Häusern Sieche. Die Aerzte viel beschäftigt, eben so viel die Leichenwagen. Die Stadt war schon einige Jahre in Feindes Händen, und die Truppen der Eroberer kosteten ihr viel, obschon ihre eigenen Erwerbsquellen versiegt waren. Ich bedauerte die Einwohner.

Ich ging indessen auch in die zahlreichen Buchläden, und ließ mir die Neuigkeiten zeigen. Fast nichts wie Schriften über Politik und Kriegskunst. Hm, merkte ich an, wenn ihr es so gut versteht, wie man Bündnisse knüpfen, und den Kampf führen soll, warum ging doch euer meistes Land verloren? Der Buchhändler erwiederte: Ach ein anderes die Theorie, ein anderes die Ausführung. Ei, das sollte kein anderes sein, gab ich darauf, Ausführbarkeit ist ja eben die Eigenheit einer guten Theorie.

Ich ging hierauf nach einem Caffeehause zu frühstücken. Da kam ein Mann mit freudigem Gesichte hereingesprungen, und rief: Die Feinde verlassen die Stadt in einer Viertelstunde! Das erweckte große Freude. Ich nahte ihm gesprächig, und fragte: Um Vergebung, welche Gründe bewegen den Feind dazu? — „Gründe? Gründe? was weiß ich!“ — Ohne Gründe ist die Erscheinung denn doch nicht denkbar. Ihr Wort in Ehren, aber noch glaube ich es nicht. — „Sie glauben es nicht, halten es also auch mit dem Feinde?“ — Wie sollt ich, der Fremde aus ferner Weltgegend, der so wenig mit dem einen als mit dem andern Theile in Verbindung steht. Allein ich urtheile nach gesunder Vernunft. Politische Ereignisse können es allerdings dahin wenden, daß der Sieger ihr Land räumt, von denen muß aber doch erst die Rede mit Ueberzeugung sein. Sonst meine ich, ist es gar nicht rathsam, sich mit Gerüchten zu schmeicheln, deren Täuschung doch bald offenbar wird, denn seit den Vierundzwanzig Stunden, daß ich in Martialia bin, hat man wohl schon sechsmal den gewünschten Abzug jener bewaffneten Macht prophezeit, aber falsch. — „Ei Herr, sie sind kein Patriot, das geht aus allen ihren Reden hervor!“