Das klingt hoch, erwiederte ich.
Bald waren wir hinüber. Es ging zur Hauptstadt. Die Dörfer unterwegs, waren sehr nett gebaut, aber außer Knaben und Greisen, selten ein männlicher Einwohner zu entdecken. Dazu paßten in Büschen und hinter Hügeln, gewaffnete Männer auf, die, wenn sich eine Mannsperson zeigte, sogleich auf sie eindrangen, und sie fortführten. Nicht sowohl die Güte meiner Pässe, sondern, wie es schien, meine Jahre, und mein schwächlich Ansehn, machten, daß ich, auch schon angepackt, wieder losgelassen wurde.
Ich hatte einen Mann am Strande getroffen, der wie ich, nach der Hauptstadt Nodnol wollte, und mit ihm Reisegesellschaft gemacht. Er war, so wie der Schiffer, von dem Lande der Carthager eingenommen. Natürlich fragte ich ihn: was es mit der sonderbaren Menschenjagd für eine Bewandniß habe? und wurde unterrichtet: daß man die aufgegriffenen Männer auf den Prahmen brauche, die theils Waaren verführten, theils die Prahmen andrer Völker wegnähmen, die auch Waaren laden wollten.
Ich murmelte das Wort Freiheit zwischen den Zähnen, und erkundigte mich bei meinem Reisegefährten, der ein Kaufmann war, und Ghlt hieß, welche Satzungen und Gebräuche denn der Carthager Anspruch auf den Namen des großmüthigsten Volkes begründeten. Herr Ghlt antwortete:
Erstens hat das Land Gesetze, welche die niedrigsten Tagewerker dem vornehmsten Mann gleichstellen, Niemand darf ohne Wissenschaft aller Welt im Kerker gehalten werden, durch seines Gleichen wird der Verbrecher gerichtet, keine Peinfrage, keine Marterstrafe. Ueber die Religionen herrscht die vollkommenste Duldung. Die große Hauptstadt, zu der wir bald kommen, und die wenige Nebenbuhlerinnen auf dem Erdball hat, zählt nicht allein eine große Menge von Armen- und Waisenanstalten, die der öffentliche Schatz unterhält, sondern es giebt auch, durch den Beitritt edelgesinnter Bürger, in allen ihren Theilen, Stiftungen, zu unentgeltlicher Heilung armer Kranken. Mehr als ein Dutzend Gesellschaften zu Abhelfung allerlei Noth, Leiden, Gefahr, eine für unvorsätzliche Schuldner, eine zur Aufmunterung guter Gesinde, eine gegen Laster und Unsittlichkeit, eine zur Verhütung von Verbrechen und falschen Spielen, und noch viele andere.
Das läßt sich hören, sagte ich, und wurde eben gewahr, wie große Geldsummen auf ein Fahrzeug geladen wurden. Man sahe zugleich Bedeckung von des Weliks Leuten dabei. Welche Bestimmung mögen diese Schätze haben? fragt ich wieder, und Ghlt antwortete mir: Das ist Geld, welches wir unseren Bundesgenossen senden, damit sie den Krieg wider unsere Feinde um so nachdrücklicher führen können. Schon mehr als funfzehn Jahre erhalten wir einen weitschichtigen furchtbaren Krieg unserer Bundesgenossen, und die Kosten gehen uns dennoch immer wieder ein. Nicht nur das großmüthigste, sondern auch das klügste, entwurfreichste, im Handel Allen überlegene Volk, sind die Carthager. Es gab sonst auf der Nähe ein kleines aber zum Handel gar bequemes Ländchen, dessen Einwohner durch Fleiß und Sparsamkeit mehrerer Jahrhunderte, ungeheure Reichthümer gesammelt hatten. Wir nahmen ihm aber zuletzt seine auswärtigen Besitzungen, seine Prahmen, sein Gewerbe, und die vielen Gelder, die es uns geliehn hatte, bekam es nicht zurück. So mußte es verarmen, und wir triumphirten auf seinem Ruin. Da sind unsre Nachbarn, die Vercingenten. Einst waren sie auch im Handel geschäftig, und boten uns im Kriege die Spitze. Sie geriethen aber einmal in innre Noth, da paßten die Carthager den Zeitpunkt ab, und wurden im Handel ihre Meister. Die Celtiberier hatten wir Lust zu berauben. Sie ließen eben Prahmen mit Silber von ihren Bergwerken kommen. Mitten im Frieden nahmen wir sie weg, und kündigeten dann Krieg an. Jetzt darf sich auf den Strömen, die das kultivirte Afrika umfließen, kein Prahmen sehen lassen, oder wir nehmen ihn weg. Unser Handel soll allein gelten, wir finden Mittel, allen Kunstfleiß der übrigen Völker zu vernichten, und da wir so die Preise nach Willkühr stellen können, saugen wir nach und nach all ihr Mark aus.
Ich schlug die Hände über den Kopf zusammen. Also gegen einen ins Wasser Gefallenen, gegen einen Schuldner seid ihr großmüthig, und den Völkern seid ihr Räuber und Mörder?
Ach, rief Ghlt, das ist vaterländische Tugend!
Wir langten nun bald in Nodnol an. Es ist in der That ein Ungeheuer von einer Stadt. So viele Schiffe sahe ich nie beisammen, wie auf dem Strome, der ihren Hafen bildet, die Waarenvorräthe, die Kaufmannsspeicher, übertrafen an Größe und Weitläuftigkeit, auch die gespannteste Erwartung, viele ansehnliche Prachtgebäude, Monumente des Staatsreichthums, viele geschmackvolle Anlagen im Kleinen, Belege des hohen Wohlstandes der Einzelnen, wurden überall sichtbar. Das Menschengewühl setzte in Erstaunen. Allein es entdeckte sich auch bald, daß man weit mehr Waaren besaß, wie man loszuwerden hoffen durfte, viele Läden waren ohne Beschäftigung; eine unerhörte Menge von Arbeitern aller Art, mit bleichen verhungerten Gesichtern, fragte vergebens nach Arbeit; Noth und Elend boten in den entlegenen Winkeln ein gräßlich Schauspiel dar, und die Unsittlichkeit hatte eine schauderhafte Höhe erreicht.
Aber wo sind denn nun die Reichthümer, welche ihr von allen Seiten erpreßtet? fragte ich meinen Begleiter. Sind sie in die Hände weniger Einzelnen gekommen, welch Heil wird dem Volke davon? Er stockte, und sagte mir, ich sollte in den großen Pallast gehn, wo die Gesetzgebung und Staatshaushaltung öffentlich gehandhabt würden, da würde ich über die großen Angelegenheiten Licht empfangen.