Am andern Morgen sprach Flore: Ich gebe nun alle Regentengeschäfte in ihre Hand, theure Isabelle, und rüste mich zur Reise. Eine gute Bedeckung nehme ich mit, das letzte worüber ich noch gebieten will.

Jene komplimentirte viel, Flore mögte doch noch da bleiben, sie mit Rath unterstützen, ihre ersten Einrichtungen prüfen, es war ihr sogar Ernst damit, denn Flore hatte sie gewonnen; diese blieb aber fest.

Es bedarf meines Raths nicht, schöne Hispanierin, sie haben den Gemahl und Vater. Auch ist das Volk eine Tafel von Wachs, die alle Eindrücke leicht empfängt. Spätestens nach drei Tagen umarme ich sie zum Letztenmale.

Isabelle weinte ein wenig, dann trocknete sie aber die Augen, und hub mit allem Feuer einer poetischen Projektantin an: Hören sie wenigstens an, was ich mit der Religion vorhabe. Ich denke eine neue zu stiften.

Flore versetzte: Das Volk ist noch offen dafür. Es geschah sogar Einiges die Bahnen zu ebnen.

Hören sie, fuhr Isabelle fort: die Darkullaner sollen den Unerforschlichen anbeten, dem alle Nationen, wenn schon nach verschiedenem Cultus, Altäre bauen, doch ohne Simbol, ohne Kirche, nur unter dem Dom des Sternenhimmels. Selten die hohe, öffentliche, rein geistige Verehrung, etwa beim neuen Jahr, nach der Erndte, am Stiftungstag der neuen Weihe. Damit aber die edlere Sinnlichkeit, einen Spielraum vor sich eröffnet sieht, damit die Künste in einen schönen Bund mit dieser Religion treten können, nimmt sie geheiligte Heroen auf, denen Tempel zu bauen, und Gebilde aufzustellen sind. Diese knüpfen das Erdenleben an das Göttliche, deuten, bestimmen, ordnen die Menschenpflicht. Christus ist einer der Hochverehrten; die Kindheit, die Freundschaft, der Brudersinn, die Aufopferung sind sein Gebiet. Heiter werden seine Tempel erhöht, die rührenden Szenen seiner Legende mag die Kunst darin abbilden. Das Kind empfängt dort Unterricht, und wird mit dem Jugendkranz entlassen; Feinde werden dahin geführt, sich zu versöhnen. Trost und Stärkung schöpfen hier Unglückliche, denn auch die Unsterblichkeit verbürgt der Heilige. Maria, die schöne, sanfte, milde, ist die Harmonie der Liebe. Ideale sind ihre Gemälde, die Dichtkunst legt ihre erhabensten Erfindungen, von Bildners Hand verwirklicht, an ihren Altären nieder. Jünglinge und Mädchen, deren Herz spricht, mögen hier flehen. Das Eheband wird hier geknüpft. Moses ist der Heros des Rechtes. In seinen großen ersten Tempeln werden die Gesetze ausgehängt, die Richter, seine Priester, halten Gericht. Daß das Recht ein Theil der Religion werde, scheint mir passend und heilsam. Auch Mahomed ist ein Heros dieser Religion, denn ich muß ja meinen Darkullanern begegnen. Ihm gehöre der Krieg. Gilt es das gute Recht, das Vaterland zu vertheidigen, dann werde sein sonst geschlossener Tempel geöffnet, der Kämpfer heiligt seine Waffen vor den Bildsäulen des Furchtbaren, und der begeisternde Streitgesang ertöne.

Was meinen sie, wenn einst Maler, Bildhauer und Dichter in Darkulla erstehen, wird nicht diese Religion hohe Schönheit gewinnen, kann sie nicht gute edle Menschen erziehn? Das bürgerliche Gesetz sei innig damit verwebt, nur Greise die Priester, daß allem Mißbrauch vorgebeugt wird.

Flore war gerührt, umarmte die Freundin, wünschte das herrlichste Gedeihen, und zog sich dann auf ihr Zimmer zurück.

Hier fing sie heftig an zu weinen. Wie, sprach sie zu sich, mein Geschick ist so verwickelt, so sonderbar, aber oft komme ich doch mit so guten Menschen, mit so wichtigen erhabenen Dingen in Beziehung. Was bin ich gleichwohl? Eine Verworfene!

Aechte Magdalenenthränen, die sie aber ehrten, strömten reichlich von ihren, aus Rührung bleichen Wangen nieder.