Viertes Kapitel.
Flore trifft den guten wohlthätigen Bei.

Die Soldaten, an welche Flore sich nun geschlossen hatte, nahmen den Weg gegen die Ruinen von Theben. Nach einigen Tagen erreichte man die bewundernswürdigsten Denkmäler, welche das ganze Alterthum der Gegenwart nachließ.

Wie staunten die Reisenden! Flore setzte sich zu einem Zeichner, auf ein Säulenstück. Dieser hatte Sonninis Reisen bei sich, und las der Gesellschaft folgendes Fragment daraus vor, welches die schon lebendig erregte Begeisterung noch mehr entflammte:

„Wir langten bald darauf in dem elenden Dorfe Karnack an, dessen Hütten den Glanz der prächtigen Ruinen, die um sie her liegen, nur desto mehr erhöhen würden, wenn etwas mit den Ueberresten von Theben, einer berühmten Stadt aus dem Alterthume, die Homerus besang[5], verglichen werden könnte. Eine Meile weiter hinauf liegt Luxor, das auch ein Dorf und auf dem äußersten Südende der Stelle erbaut ist, die diese berühmte Stadt auf dieser Seite des Flusses einnahm. Man hätte mehr Zeit, als ich hatte, und mehr Sicherheit haben müssen, als auf diesem Boden herrschte, der mit Ruinen und Räubern bedeckt war, wenn man die Trümmern, die die Unsterblichkeit den Anfällen der Zeit, und der Wuth der Barbarei entrissen hatte, genau und vollständig hätte untersuchen wollen. Nicht weniger schwer würde es sein, wenn ich die Eindrücke beschreiben wollte, die der Anblick so großer, so majestätischer Gegenstände in mir hervorbrachte. Es ergriff mich nicht eine bloße Bewunderung, sondern es überfiel mich eine Entzückung, die den Gebrauch aller meiner Kräfte aufhob. Lange blieb ich bewegungslos vor unnennbarer Wonne stehen, und fühlte mich mehr als einmal bereit, mich zum Zeichen der Ehrfurcht vor Denkmälern niederzuwerfen, die alle menschliche Erfindung, und alle menschliche Kräfte zu überschreiten scheinen.“

„Obelisken, kolossalische und andere ungeheure Statüen, Zugänge, die durch Sphinxe gebildet werden, und durch die man noch hineingehn kann, obgleich der größte Theil von den Statuen zerbrochen, oder unter dem Sande vergraben ist; gewölbte Gänge von einer ungeheuern Höhe, wovon noch einer von 170 Fuß Höhe und 200 Fuß Breite vorhanden ist: unermeßliche Säulenstellungen, deren Säulen über zwanzig, und einige sogar ein und dreißig Fuß im Umfange haben; Farben, die noch durch ihre Schönheit in Erstaunen setzen; Granit und Marmor, die bei dem Baue in Menge verschwendet sind; ungeheuer große Steine, die von Knäufen getragen werden, und die diesen prächtigen Gebäuden zur Decke dienen; endlich Tausende von umgestürzten Säulen, alles dieses nimmt eine Strecke von einem sehr großen Umfange ein.“

„Wie sehr sinken die so gerühmten Gebäude Griechenlands und Roms vor den Tempeln und Pallästen des egyptischen Thebens herab. Seine stolzen Ruinen sind noch imposanter als ihre prächtigen Zierrathen, und seine ungeheuer großen Trümmern sind noch ehrwürdiger, als ihre vollkommene Erhaltung. Der Ruf der berühmtesten Gebäude verschwindet vor den Wundern der egyptischen Baukunst, und wenn man sie würdig beschreiben wollte, müßte man das Genie der Männer besitzen, die den Plan dazu entworfen und denselben ausgeführt haben, oder man müßte so beredt als Bossuet schildern[6].“

„Der Araber, der zu Luxor-Ismain, Abu-Alis Befehlshaber war, und dem ich einen Brief von diesem Fürsten übergab, nahm mich sehr wohl auf, dann setzten wir uns zu Pferde, und ritten unter seiner Bedeckung, bei den Ruinen der alten Residenzstadt der egyptischen Könige herum. Ihre Pracht und ihre Größe übertrifft alles, was man sich vorstellen kann, allein neue Ereignisse jagten mich von den Ruinen weg, deren merkwürdigsten Theil ich untersuchen und zeichnen lassen wollte. Ich habe blos eine Zeichnung aufnehmen lassen können, die eine sonderbare Säulenstellung des Theiles von den Ruinen vorstellt, wovon das Dorf Luxor umgeben ist.“

Der Europäer, und nur der Alterthumskundige vermag den tiefen Eindruck dieser edlen Erhabenheit in sich aufzunehmen, doch ging das sonst nicht ohne listige oder gefährliche Störung an. Nun aber in Gesellschaft bewaffneter Soldaten wurde jede Nachforschung leicht, kein hoher Genuß vernichtet. Und hätte die Expedition der Franzosen, ganz gewiß noch einst folgenschwer, auch nichts bewirkt, als der gebildeten Welt all die herrlichen authentischen Werke über Egypten zu geben, so würde die Nachwelt sie schon mit Preis und Dank nennen.

Zwei bis drei Tage hielt man sich hier auf, bewunderte, maaß, zeichnete, beschrieb. Flore half die Meßkette tragen.

Am letzten Tage irrte sie allein ein wenig umher, bog um eine dicke Mauer, und wurde einige Menschen von dürftigem Ansehn gewahr, die ihr etwas Bekanntes zu haben schienen. Jene erschracken, und wollten sich verbergen, Flore ermuthigte sie, und fragte gutmüthig: ob sie ihnen worunter nützlich werden könne?