Man hatte um diese Zeit die Mittel, sich aus der Ferne zu unterhalten, bedeutend vervielfacht.
Telegraphen standen durch ganz Europa, in allen Linien von namhaften Orten, aufgerichtet, und Jedermann konnte sich ihrer gegen eine mäßige Zahlung bedienen. Die vervollkommnete Akkustik diente hier aber mehr dem Gehör, als früherhin die wenig umfassenden Zeichen dem Auge. Es gab Sprachtrompeten, welche bei Tag und Nacht, und fast bei jeder Witterung, auf eine Meile deutlich hörbar tönten und durch welche man von Station zu Station melden ließ, was man wollte. Ueber Meere leisteten dagegen die allgemein gewordenen Taubensendungen Hülfe. Ini hatte deshalb von dem Manne, der die Taubenpost zu Palermo hielt, sechs dieser gefiederten Boten mit sich genommen, um sie mit kleinen Briefchen am Halse zurückfliegen zu lassen. In diesem Orte waren deren ebenfalls aus Neu-Karthago, der jetzigen Hauptstadt von Afrika vorhanden, deren sich Guido bedienen konnte.
Jeden Tag eilte er zu dem Manne und blickte aus seinem Thürmchen nach Süden. Manche Taube kam geflattert, eins oder mehrere Papiere am zarten Hals, doch lautete die Aufschrift an andere Personen. Endlich nach einer Woche schwebte es weiß daher und die röthlichen Füßchen
einer niedlichen Turteltaube setzten sich auf den Schlag nieder. Das zahme Thier ließ sich willig ergreifen. An Guido, stand auf dem Briefchen. Hurtig ward es abgenommen und geöffnet.
Ini schrieb, wie sie von ihrer Mutter mit froher Zärtlichkeit aufgenommen sei, und diese Mutter, die ganz still auf einem Landhause bei Neu-Karthago lebe, auch ihre Liebe im reichen Maaße verdiene. Sie setzte hinzu wie sie nicht begreife, daß diese Mutter, bei einem so warmen Herzen, ihre Erziehung der Fremden habe übertragen können, und wie hier ein Grund vorhanden sei, bedeutende Geheimnisse zu vermuthen, um deren Aufschluß sie vergebens gefleht habe. Noch folgten begeisterte Schilderungen der vorzüglichen Eigenschaften dieser edlen Frau.
Guido, wie unendlich ihn der Empfang des Schreibens erfreute, ward tief bestürzt, daß darin von keiner Wiederkunft die Rede war. Er fürchtete, Mutterliebe werde die Tochter nicht wieder scheiden lassen, und Inis Herz — von dem er doch täglich mehr für sich hoffte — von ihm wenden.
Nach einigen Tagen langte ein zweiter Brief
an. Hier schrieb ihm Ini, sie käme nach Sizilien zurück. Schwerer, als sie es geglaubt hätte, würde die Bitte darum ihr geworden sein, weil sie die Mutter einen Mangel an Anhänglichkeit hätte argwohnen lassen können, doch sei diese ihren Wünschen mit der Erklärung entgegen gekommen, Athania werde mit ihr auf ungewisse Zeit den vorigen Aufenthalt nehmen. Ini klagte noch mit schmerzlichem Gefühl über die nahe Trennung von einer Mutter, die so gut und weise sei. Sie setzte hinzu, daß sie — sonderbar — der verschleierten Mutter Antlitz nimmer schauen dürfe.
Guido war hoch entzückt über den einen Punkt, wenn ihn schon der andere nicht ganz ohne Unruhe ließ, denn die Liebenden wollen nichts als sich geliebt wissen, sogar eine Mutter nicht.
Nach einigen Tagen meldete ein Täubchen die Rückkunft auf Morgen an. Wie flog Guido zur Adlerpost, die Kouriergondel zu dingen. Wie froh schwang er sich zur Höhe!