Nachher schien es, als habe der Wein den Greis ein wenig aufgethaut, oder als habe er in dem schwach gewordenen Kopfe nun überdacht, was sich zugetragen hatte. Er schloß mich in die zitternden Arme, und weinte. Gott sei Dank, sagte er, daß Du noch kamst. Etwas später, so hättest Du mich nicht mehr gefunden. Ich werde bald zu Deiner Mutter gehn.

O Gott! sagte ich, aufs Neue erschüttert; ich habe bereits an ihrem Grabe gestanden.

Mein Vater ging zu Bette, der Schwager sammt den Kindern auch; Wilhelmine fragte mich: ob wir nicht noch ein halbes Stündchen plaudern wollten?

Ich that das gern. Sie schilderte mir nun ihren häuslichen Zustand. Das Betragen ihres Mannes umging sie zart; außerdem hatte sie aber von nichts als Noth und Kummer zu erzählen. Sauer hatte wenig Freunde; nur Leute, die einen Erzrabulisten suchten, wendeten sich an ihn. Das Einkommen reichte bei fünf Kindern nicht zu; man steckte in peinlichen Schulden, und eben so der alte Vater noch. Die Kreuzträgerin endete: Was ist zu thun? Ich muß mich in Geduld fassen. Noch ein Glück für mein Mutterherz, daß meine Kinder gesund, auch sonst ziemlich wohlgeartet sind. Vielleicht erlebe ich an ihnen noch Freude.

»Gute Schwester, erwiederte ich, einigermaaßen werde ich Deine Lage verbessern können. Doch sage mir: wie hast Du Dich entschließen können, Sauer'n zu heirathen?«

Seufzend erklärte sie: Ja – es ward mit den übrigen Aussichten nichts.

»Ich dachte, Herr von Soldin ...«

Schnell unterbrach sie mich: Auch nichts! und fuhr fort: Die Zeit ging hin; ich war schon drei und zwanzig Jahr. Die Eltern fühlten sich immer mehr bedrängt, und wollten mich versorgt sehn. Da kam mein Mann – Es währte lange, eh ich mich überwinden konnte; doch – was blieb mir ...

»O Gott! sagte ich; Du hast so vielen Fleiß auf die Bildung Deiner schönen Talente gewandt! Was nützt es Dir nun!«

Laß uns nicht mehr über das Vergangene reden, seufzte sie. Hin ist hin! Jetzt lebe ich nur in meinen Kindern.