So auch, wenn wir die Bekannten in zwanzig Jahren nicht gesehn, auch während dieser Zeit nicht das Mindeste von ihnen gehört haben. Diese Erfahrung sollte ich machen, und ich entnahm daraus, wie viel merkwürdiger noch es seyn muß, wenn der Zeitabschnitt dreißig oder noch mehr Jahre beträgt.
Ich wurde in einer Stadt mittlern Umfangs in Deutschland geboren. Mein Vater bekleidete das Amt eines Rathsherrn, und stand in ausgezeichnetem Ansehn; theils weil es seine Würde ihm gab, theils, weil er mit einem anerkannt redlichen Sinn eine ungemein scherzhafte Laune verband, die ihn jeden Zirkel, in den er trat, beseelen, und allenthalben Freunde gewinnen ließ. Eben so war meine Mutter, ihres gutmüthigen und feinen Betragens willen, in meiner Heimath geachtet.
Ich hatte noch einen älteren Bruder Otto, welcher die Rechte studierte, wogegen ich auf einer Hochschule der Cameralwissenschaft oblag. Meine Schwester, Wilhelmine, zählte einige Jahre weniger als ich.
Mit Otto stand ich von den Kinderjahren her nicht zum Beßten. Vater und Mutter gaben mir einigen Vorzug; dies machte ihn zu meinem Feind. Unsre Gemüthsweisen hatten eine große Verschiedenheit. Otto war einsilbig, trocken, mißlaunig, galt daher nicht bei den Knabenspielen in unserer Nachbarschaft für einen lustigen Gefährten; ein Lob, das mir hingegen ward, bei meiner natürlichen, in jenen Zeiten oft muthwilligen, Lebhaftigkeit. Man konnte Ottos Fleiß auf Schulen nicht tadeln; er zeigte vielmehr dort guten Eifer, trieb jedoch Alles mechanisch, konnte es nur zu langsamen Fortschritten bringen, und am Ende schien Alles bei ihm nur magres Gedächtnißwerk. Die Mitschüler nannten ihn einen Pinsel; bei den Lehrern aber galt er, weil er ihnen eine ungemein unterworfne Ehrerbietung bewies. Mein Streben war nicht so ernst, allein die Arbeit wurde mir leicht; ich konnte in einer Stunde mehr vor mich bringen, als Otto in einem halben Tage. Daher übertraf ich ihn nicht selten, und erregte oft die Verwunderung meiner Lehrer in Fragen, die von scharfsinnigem Nachdenken und treffendem Urtheil zeugten; oder in Einfällen, die ihnen witzig schienen. Allein ich trieb nebenbei auch manchen kleinen Unfug, war zu leichtsinnig die Gunst der Lehrer auf solchen Wegen zu suchen, wie Otto, an dem ich vielmehr eine kriechende, sklavische Höflichkeit bespöttelte. So gewann ich dort wenig Gunst.
Als wir gemeinschaftlich die Hochschule bezogen hatten, blieb unser Verhältniß zu einander sich ähnlich. Otto galt mehr bei den Professoren, ich mehr bei den aufgeweckten Burschen, war bald in meiner Landsmannschaft, in meinem Orden ein strahlendes Licht. Otto wirthschaftete spärlich; weit mehr kostete ich dem Vater. Bei dem Allen war ich ihm doch lieber, als mein Bruder, nachdem wir von der Hochschule in die Vaterstadt zurückkamen. Meine Außenseite schien ihm vortheilhafter, meine Unterhaltung geistreicher. Unser Wissen dünkte ihm sich ungefähr die Wage zu halten; doch meinte er: ich würde mit meinem Pfund gescheidter zu wuchern verstehn, die Wege, auf denen man sein Glück macht, mit Scharfblick suchen, mit kluger Beharrlichkeit verfolgen, und so bald an einem namhaften Ziele stehn. Otto, pflegte er zu sagen, wird so ein sechs Jahre als Referendarius der Jurisprudenz mitlaufen, und dann sich zum Senator, oder, wenn es hoch kommt, zum Bürgermeister in einem Landstädtchen ernannt sehn, und damit wird seine Laufbahn geschlossen seyn. An Wilhelm denke ich hingegen noch zu erleben, daß er zum Geheimen-Finanz-Rath oder Präsidenten emporsteigt.
Der gute Vater irrte, wie es die Folge zeigen wird. Ueberhaupt gehört es auch zu meinen gesammelten Erfahrungen, daß häufig die Eltern ihrer Kinder wahrscheinliches Loos unrichtig beurtheilen.
Man stellte uns bei den zwei Collegien an, die in meiner Vaterstadt sich befanden. Otto glänzte auf seinem Standpunkt gar nicht; meine Talente wurden bald gepriesen. Doch hatte sich nach zwei Jahren da viel geändert. Otto griff mehr und mehr ein, und hatte die Zuneigung der Obern, in seinem höchst aufmerksamen Betragen, gewonnen. Die meinigen aber fanden an mir dies und das zu erinnern. Ich hätte zwar Talente, hieß es, wäre aber auch voreilig eitel darauf, ließe mir bald Nachlässigkeiten in der gebührenden Achtung gegen Höherstehende, bald in den amtlichen Verrichtungen, zu Schulden kommen, und wäre oft auch absprechend, anmaßend; wollte am Eingang der Laufbahn manches besser verstehen, als Männer, die größtentheils sie schon durchlaufen hätten.
Doch ich will meine nächste Umgebung, in diesen zwei Jahren, beschreiben, um hernach darzuthun, welche seltsame Wechsel zwanzig Jahre in den Schicksalen der Menschen hervorzubringen fähig sind.
Mein Vater hatte ein Einkommen, das für den Ort ansehnlich heißen durfte, und auch meine Mutter hatte ihm einiges Vermögen zugebracht. Dies setzte ihn in den Stand, oft Gäste einzuladen, oder, wie man es nennt, ein Haus zu machen. Es entsprach seinen Neigungen zu heitrer Geselligkeit, und er setzte auch eine Art Stolz in den Ruf: sein Haus könne ein Wohnsitz des guten Geschmacks heißen. Er traf auch deshalb eine sorgsame Auswahl unter den Leuten, mit welchen er vorzüglich umging; wenigstens mußten sie zur feinsten Welt des Ortes gehören, und es lag ihm mehr daran, zu bewirthen, als bewirthet zu werden. Daneben war gute, frohe Laune eine den Hausfreunden gemachte Bedingung. Sie wohnte ihm selbst in hohem Maße bei, und lange Weile floh er.
Er liebte diesen Aufwand jedoch zu viel, erwog nicht genug, daß zwischen seinen Einnahmen und Ausgaben kein richtiges Verhältniß bestände. Wir Söhne hatten ihm auf der Hochschule auch nicht wenig gekostet, und durften in den nächsten Jahren noch keinem Amtsgehalt entgegen sehn. Deshalb war um die Zeit, als wir an den erwähnten Landesstühlen untergeordnete Plätze gefunden hatten, das Vermögen seiner Gattin schon mit aufgezehrt. Nichts destoweniger lebte mein Vater nach alter Weise, zum Theil einmal daran gewöhnt, zum Theil auch aus überdachten Gründen. Er meinte, wenn er die Obern seiner Söhne durch öftere Einladungen sich verbindlich machte, so würden sie um so geneigter seyn, Jenen zu einem besseren Fortkommen zu helfen. Zudem wuchs auch meine Schwester heran; eine glückliche Verheirathung derselben gehörte zu den sehnlichsten Wünschen meiner beiden Eltern. Die Mutter pflegte zu sagen: Ein Mädchen, das nicht gesehn wird, kann auch nicht begehrt werden. Und so munterte sie ihn zu dem noch auf, wovon ihn abzumahnen vielleicht rathsamer gewesen wäre.