In der That mußte aber Wilhelmine nahe gesehn, nach ihren verschiednen Eigenthümlichkeiten beobachtet werden, wenn diese auf Männerherzen Eindruck machen sollten; es konnte dann jedoch ein namhafter seyn. Der Mitgift wegen ließen Freier sich nicht absehn, und Wilhelmine hatte keinen Mangel an Schönheit, zeichnete sich gleichwohl auch daran nicht aus. Sie hatte eine mittlere, feine Gestalt, ein nicht unregelmäßiges, und allerdings auf schönen inneren Sinn deutendes, aber wie gesagt, nicht ausgezeichnetes Gesicht. Es hätte sich daran mehr frische Blüthe, und schärferer Ausdruck in den Zügen wünschen lassen; sonst hingegen war es hold, freundlich und angenehm.

Viel hatten die Eltern an Wilhelminens Erziehung gewandt, und sie war ihren Bemühungen stets mit regem Eifer entgegen getreten. Sie zählte nun achtzehn Jahre, und hatte ihren natürlichen Verstand ungemein durch nützliche Schriften, und vortheilhaft gewählte Freundinnen, ausgebildet. Der französischen und italiänischen Sprache war sie mächtig, und dehnte ihr Urtheil auf mannichfache Gegenstände im Gebiet der Wissenschaften und Künste aus. Vor Allem nannte sie Tonkunst ihr Lieblingsthum, und erregte in der That mit ihrem Gesang die Bewunderung der Kenner. Man sagte von ihr: sie eine die Fertigkeit einer Virtuosin mit dem Gefühl einer Dilettantin; und es war keine Schmeichelei. Sie wußte sich daneben mit einem edel einfachen Geschmack zu kleiden, und trat allenthalben mit Anmuth und feiner Darstellung auf.

So mußte Wilhelminens Gesammtheit allerdings anziehend seyn, und in den Augen sinniger Männer blieben auch schönere, doch weniger gebildete Mädchen ihr weit nachgesetzt. Man feierte die Schwester auf eine ausgezeichnete Weise; namentlich glänzte sie, wo man sie veranlaßte, ihre Meinung über schönwissenschaftliche Gegenstände zu äußern, oder ihren Gesang tönen zu lassen.

Ohne tadelhaft eitel zu seyn, fühlte aber Wilhelmine doch, daß man sie auszeichnete, und daß ihre geistigen und gemüthlichen Vorzüge ihr höhere Ansprüche gäben, als vielen Mädchen. Schon weil sie das Ideal eines sehr vollkommenen Mannes, einer höchst glücklichen Ehe, sich mit vielem Sinn und Geschmack zu entwerfen wußte, hoffte sie auch, einen Bräutigam zu finden, der geeignet wäre, ihre Wünsche – dem größeren Theil nach mindestens – zu erfüllen.

Ich hatte ihr Vertrauen mehr, als Otto; daher theilte sie mir oft ihre Wünsche mit, und ich konnte das, ihr zartes Selbstgefühl Ehrende und Verständige darin, nicht abläugnen.

Ihres Standes sollte der Bräutigam seyn, oder auch höheren; das Letzte würde, eben nicht aus stolzem Sinn, doch in dem Betracht, daß Wilhelmine durch ihre sich angeeigneten Vorzüge sich bereits erhoben hatte, ihr nicht unangemessen gedünckt haben. Reichthum gehörte nicht zu den Bedingungen, welche sie aufstellte; Ueberfluß, meinte sie, wäre unnöthig, doch unerläßlich nöthig auch, vor Nahrungssorgen und Mangel geschirmt zu seyn. Eine mittlere Wohlhabenheit – auf ein darüber Hinausgehn würde sie auch nicht gezürnt haben – stand hier also in Rede. Aber einen schönen jugendlichen Mann wünschte sie vorzüglich; wie hätte sie dem an ihr gerühmten feinen Geschmack sonst entsprechen können! Gleichwohl beschränkte sie noch ihre Forderungen mäßig. Ein Adonis, ein Antinous, sagte sie, thut g'rade nicht Noth, doch eine Gestalt, an der nichts Makelhaftes oder gar Lächerliches heraustritt, die eine wahrhaft männliche zu nennen ist. Nichts stelle ich mir kläglicher vor, als wenn ich an der Seite einer hagern, gebrechlichen, oder sonst verbildeten Mißgestalt einhergehn müßte; ich würde in Aller Augen Bespöttelung, und die Frage lesen: wie konnte sie aber mit einem solchen Mann zum Altar gehn? Geist und Fühlbarkeit, eine gewisse Romantik, Sinn für Poesie und Tonkunst durften in keinem Fall ausgeschlossen seyn: je höher die Gabe von dem Allen, je besser. Am meisten würde mein Fantasiebild jedoch erreicht seyn, fügte Wilhelmine hinzu, wenn der Bräutigam auch mit irgend einem Tonwerkzeug virtuosenhaft auftreten, mein Spiel am Pianoforte begleiten könnte, und wenn er daneben eine wohllautende Baß- oder Tenorstimme ausgebildet hätte. Eine Doppelsonate, ein Duett, müssen doch manche Stunden im langen Eheleben reitzend ausfüllen.

Nun, pflegte sie zu enden, dies Alles heißt doch nicht übertrieben, nicht unbescheiden fordern. Es kann demungeachtet wohl seyn, daß ich es, nach vollem Wunsch, nicht beisammen finden werde. Mag indeß meinem Vorbild auch nur in den Hauptzügen Wort gehalten seyn, der Mehrzahl von meinen Bedingungen nach. Darunter – lasse ich aber mich nicht ein, und werde mich hüten, leicht und voreilig meine Hand wegzugeben.

Der Vater, sehr eingenommen für Wilhelminen, und selbst zum sanguinischen Hoffen geneigt, bestärkte sie in den hochfliegenden Ansprüchen; die Mutter hingegen schüttelte den Kopf, und sagte: einem Mädchen ohne Vermögen stände leider wenig Auswahl zu.

Außer unsern schon genannten Obern lud mein Vater nun, in jener Absicht, häufig einen Baron von Lilienthal in sein Haus. Er hatte Wilhelminen an öffentlichen Versammlungsorten große Aufmerksamkeiten bewiesen; das weckte Aufmerksamkeit für ihn.

Er stand als Offizier bei der Besatzung im Orte, und war in der That ein schöner, einnehmender Mann, von etwa fünf und zwanzig Jahren. Was man ein lustiges Betragen nennt, und an jungen Militärpersonen nicht eben selten findet, ließ sich ihm nicht vorwerfen. Er schien jetzt wenigstens darüber hinaus, mochte es auch früherhin ihm ein wenig eigen gewesen seyn. Er sprach mit Geist und richtigem Urtheil, äußerte ein feines Empfinden; seine Darstellung war höchst gefällig. Ueber seine Glücksumstände war man bei uns nicht unterrichtet, hegte aber glänzende Vermuthungen; denn Lilienthal zeigte sich stets in artiger Eleganz, hielt Reitpferde und Livreebedienten, und fehlte bei keinen Bällen oder anderen Lustfestlichkeiten, welche die sogenannte schöne Welt anordnete. In den Concerten, oder – wenn reisende Mimen eintrafen – im Theater, blieb er noch weniger aus, gab hier den Ton des Urtheils an, und mit sinnigem Geschmack. Er selbst blies die Flöte ziemlich, konnte Wilhelminen allenfalls eine Sonate begleiten.