Es schmeichelte ihr nicht wenig, daß Lilienthal ihren Vorzügen, mit so vielem Sinn dafür, huldigte. Nicht allein, daß er nicht den mindesten Adelstolz in unserm Hause zeigte, auch an öffentlichen Orten achtete er auf keine Schönheit von Geburt mehr, so bald man Wilhelminen sah. Vieler Mädchen Antlitz umwölkte Neid; denn unter allen jungen Männern der hiesigen schönen Welt nahm Lilienthal, nach der gebildeten Schönheiten Anerkennung, eine der obersten Rangstufen ein.
Es wurde auch in der Stadt mancherlei von ihm gesprochen, was die Theilnahme an ihm von Zeit zu Zeit erneute und erhöhte. Bald sagte man: er habe mächtige Gönner am Hofe, die ihm nächstens zu einer einträglichen Hauptmannsstelle helfen würden; bald: er habe einen reichen Oheim beerbt.
Da wären nun die Hauptzüge von meiner Schwester Ideal so ziemlich vorhanden gewesen. Daß Lilienthal mehr für sie empfinde, als eine gewöhnliche Werthachtung ihrer ausgebildeten Talente, stellte sie in keinen Zweifel. Seine Blicke sprachen von heißer Liebe; auch manches hingeflogne Wort ließ diese ahnen. Zu einem unumwundenen Geständniß, einer netten Werbung um ihre Hand, kam es demungeachtet nicht, obschon Wilhelmine oft meinte, beides schwebe auf seinen Lippen. Als Jahr und Tag so entflohen waren, zweifelten die Eltern, ob es hier zum Ernst hingehn würde; die Tochter aber nicht.
Ferner lud man einen jungen Referendarius fleißig ins Haus, der auch zu einem der Landesstühle gehörte, und sich mit uns auf der Hochschule befunden hatte. Es war ein Herr von Soldin, und von ihm bekannt, daß ihm sein Vater einst hunderttausend Thaler nachlassen würde. Seine übrigen Eigenschaften wichen indeß sehr in den Schatten zurück, wo Lilienthal sich zeigte. Soldin hatte eine zwar nicht verkrüppelte, aber doch unscheinbare Gestalt, und trug sie noch krumm und unbeholfen. Sein Gesicht drückte rohen Stumpfsinn aus, seine Gespräche verriethen überall Unwissenheit, seine Kleidung war vernachlässigt. Die Amtslaufbahn, worin er sich schleppend fortbewegte, hatte auch nur den Zweck, ihn seiner dörfischen Linkheit zu entwöhnen, und er empfand einst weder Lust zu den Studien, noch jetzt zur Dienstarbeit. Ist mein Vater todt, sagte er, nehme ich den Abschied, und ziehe auf meine Güter.
Ueber diese Güter allein wußte er mit einiger Sachkenntniß zu sprechen, und zeigte auch hinsichtlich des Geldes und seines Werths richtige Begriffe. Sein Vater unterstützte ihn namhaft; doch übte der Referendarius eine so wirthliche Beschränkung, daß er mehr als die Hälfte davon sparte. Seine einzige Liebhaberei bestand in einem Pudel, den er mit in unser Haus bringen zu dürfen bat, auch dort mit großer Zuneigung streichelte und fütterte.
Wilhelmine urtheilte: es sei ein geschmackloser, in hohem Grad ungebildeter Mensch – häßlich wäre seine Gestalt aber doch nicht zu nennen. Ohne allen Verstand wäre Soldin auch nicht: er bewiese ihn ein seiner klugen Sparsamkeit; auch ein freundliches Gemüth lege er bei dem Pudel an den Tag. Es würde nur eine Schleifung des rohen Diamants bedingen.
Die hunderttausend Thaler milderten wohl ihr Gutachten über ihn so.
Zwei Umstände machten sie aber noch gespannt. Soldin kam oft, auch uneingeladen, zum Besuch; ihn mußte in unserm Hause folglich etwas anziehn. Auch sagte er einmal denkwürdig: bei seiner Heirath wolle er nicht auf Adel, nicht auf Reichthum sehn, vielmehr ganz nach Liebe wählen. Sein Vater ließe ihm darin Freiheit, und könne auch nicht füglich mit Einreden auftreten, weil auch er ein bürgerliches und ganz unbemitteltes Mädchen geehlicht habe.
Wilhelmine fand nicht rathsam, die löblichen Grundsätze zu tadeln, wohl aber, so viel es thunlich sei, die anziehende Kraft zu erhöhen, die uns des jungen Mannes so wiederholten Zuspruch verschaffte. Namentlich wenn sie mit ihm allein sich befand – was die Eltern so eifrig eben nicht hinderten – nahm sie an dem Pianoforte eine idealische Haltung an, und sang nicht wenig schmelzend. Doch seltsam! was Alle hinriß, brachte sein Gefühl nicht aus der Stelle. Soldin gähnte oft, schlief sogar etliche Mal ein; und wenn ihm meine Schwester das freundlich verwies, gestand er freimüthig: daß ihm ein Marsch, oder ein lustiges Stückchen, zum Beispiel, Freut Euch des Lebens, mehr gefallen würde. Sie meinte dann, über den Geschmack sei nicht zu streiten, und gab ihm das Verlangte zum Beßten. Doch wie sie auch Hände und Mund für ihn gefällig bewegte, ließ er Wilhelminen immer noch nicht hören, was sie gern vernommen hätte, zumal als es auch ihr zu scheinen begann: Herr von Lilienthal liebe sie zwar ungemein, habe gleichwohl keine Absichten auf ihre Hand.
Es war, als ob eine Art Furcht ihm die Zunge bei Wilhelminen lähmte. Nicht einmal ein fortlaufendes Gespräch konnte er mit ihr führen. Nicht allenthalben ließ er eine ähnliche Zurückhaltung sehn. Mein Vater liebte Scherz; oft ging Soldin darauf ein, wenn schon auf eine ziemlich derbe Weise. Ueber Haushaltung richtete er oft ein Gespräch an die Mutter. Auch hatten meine Eltern eine junge arme Verwandte ins Haus genommen, die Charlotte hieß. Keinen Unterricht in Gegenständen, welche man zur feinen Bildung zählt, hatte sie bekommen; nur schlicht bürgerlich war sie in einer kleinen Landstadt erzogen. Sie führte meistens unsre häusliche Wirthschaft, kam selten ins Besuchzimmer, und, wenn es geschah, blieb sie entweder gänzlich unbeachtet, oder man blickte auch wohl befremdet und spöttisch auf sie hin; denn sie stand allerdings in einem auffallenden Gegensatz zu der so geistvollen, zarten, niedlichen, abgeglätteten Wilhelmine. Sie konnte nur von den alltäglichsten Hausdingen reden. Ihre Gestalt war lang, rund, derb; und wer noch das Beiwort plump beifügte, konnte es allenfalls verantworten. Nicht einen Zug in dem Gesicht hätte interessant nennen mögen, wer sich auf das Interessante verstand; unbedeutend, fade, selbst gemein, würden Kunstrichter des Schönen es bezeichnet haben. Gleichwohl konnte Soldin bisweilen sich eine gute halbe Stunde zu Charlotten in einen Winkel setzen, und mit ihr ein Gespräch über Nichtiges unterhalten. Wilhelmine, nach ihrer Gutmüthigkeit, legte ihm auch diesen Verstoß gegen ihren, doch so viel höheren, Werth zum beßten aus. Sie äußerte sich: auch dies sei ein Beleg guten Herzens an Soldin. Er fühle bei den Zurücksetzungen, die Charlotten widerführen, Mitleid, und wolle ihr zeigen, daß er keines Stolzes gegen übersehene Personen fähig sei.