Indem sie aber zugleich urtheilte: die Gespräche von gewöhnlichem Stoff hätten für Soldin eine behagliche Seite, weil er die Seelenkräfte dabei nicht so zu spannen brauche, als wenn sie den Regionen der Wissenschaften und Künste entgegen eilte, und ihm dahin zu folgen ansann, – wollte sie es ihm auch bequem machen, und fragte ihn bald um die Hühner, bald um die Gänse auf den väterlichen Gütern. Sie empfing zwar befriedigende Antworten; allein es schien demungeachtet, er könne das rechte Vertrauen zu ihr noch nicht gewinnen. Sie meinte nun, Alles würde mit der Zeit sich finden; auch hernach die allmählige Umbildung des jungen Mannes, welche ihn ihrem Vorbilde näher brächte.

Außer diesen beiden, stellten noch zwei andere junge Leute sich häufig ein. Die Eltern bauten eben keine Entwürfe auf sie; es stand mit der Zeit, wo sie an eine Heirath würden gehn können, zu weit aussehend. Allein sie waren angenehm unterhaltende Gesellschafter, und hatten mit Otto und mir die Schule besucht. Allenfalls konnten Jene auch denken: gesetzt es fände sich für Wilhelminen nicht bald etwas Annehmlicheres und Einem oder dem Anderen glückten feine Absichten, so möchte er als Eidam nicht verwerflich seyn.

Eduard war ein junger Kaufmann, stand jedoch erst im Begriff, sich anzusiedeln. Einige tausend Thaler hatte er zum Anfang; indem er gleichwohl einsah, es würde sich damit nichts von Bedeutung unternehmen lassen, wollte er zuvor nach Hamburg, Amsterdam, Bordeaux, Lion, Triest und anderen berühmten Handelsstädten reisen. Dies sollte ihn eignen, sich die vortheilhafteren Geschäfte auszuwählen, bedeutende Verbindungen anzuknüpfen und gleich im Großen seinen Kredit zu gründen; so ließe auch zur Stelle im Großen sich spekuliren und gewinnen. Eine Fabrikenanlage von Belang gehörte auch zu Eduards hochfliegenden Planen. Die Landesregierung, meinte er, würde ihm gewiß mit den dazu nöthigen Summen beistehn, wenn er ihr deutlich bewiesen hätte: seine Fabrik würde nicht allein Hunderttausende, welche ins Ausland flössen, zurückhalten, sondern noch Hunderttausende aus der Fremde hereinziehn, auch Tausende von Armen nützlich beschäftigen, und was dessen mehr war. Er behauptete: kluge Spekulationen, wie Unternehmungen von weitem Umfange, müßten den Kaufmann nach weniger Zeit reich machen; dies habe eine so einleuchtende Evidenz, wie das Einmaleins. Träfe es bei Vielen nicht ein, so läge es an ihrem Mangel an kühner Regsamkeit; der echte Handelsgeist beseele die Alltagsköpfe nicht. Er wußte auch von gar manchen Grossirern, Wechslern, Rhedern zu erzählen, die mit nichts angefangen, und doch Millionen vor sich gebracht hätten; und er fügte naiv hinzu: In so fern die Wege doch bekannt sind, auf denen es ihnen gelang, sehe ich nicht ein, warum ich sie nicht auch betreten sollte.

Eduard war übrigens eine ganz hübsche Mannsperson, kleidete sich gut, sprach wie Leute von Ton, und ließ sich gern finden, wo Leute von Ton zusammenkamen. Er machte Wilhelminen so ehrerbietig als schmeichelhaft seine Aufwartung, zeigte, daß es ihm so wenig, als Herrn von Lilienthal, an Urtheil und Herz für hohe weibliche Vollkommenheit fehle. Ich zweifle auch gar nicht, daß ihm die Schwester ihre Hand würde gereicht haben, wenn er von seiner ersten Million vor der Hand nur den zwanzigsten Theil aufgewiesen hätte. Er trug einige Mal auf ein vorläufiges Versprechen an, und bewies dadurch wenigstens: er hege doch eine ernste Meinung. Wilhelmine beschied ihn nicht abschlägig, war aber doch zu klug, sich voreilig zu binden. Sie verwies ihn auf den Spruch des weisen Salomo: Jedes Ding hat seine Zeit.

Die Eltern hatten es auch so gewollt. Man hörte, des jungen Mannes ererbtes Vermögen bestehe in drei- bis viertausend Thalern. Seit Vollendung seiner Lehrjahre beschäftigten ihn aber nur die Entwürfe künftiger Plane, und er lebte einstweilen, als ob schon gelungen sei, was erst späterhin gelingen sollte, hatte auch deshalb mit seinem Vormund, der auf eine baldige Ansiedlung in Kleinem drang, manchen Streit. Weil Eduard indeß bald darauf nach Hamburg reis'te, und von dort schrieb: er sei schon auf dem beßten Wege, seinen, gar nicht zu großen merkantilischen Ideen aufgelegten, Vormund zu beschämen, konnte man dem echten Handelsgeist doch auch nicht alles Glück absprechen wollen.

Jetzt komme ich auf den genievollsten unter den vermeinten, und wirklichen, Aspiranten zu Wilhelminens Torus. Es war ein Ex-Kandidat der Theologie, sein Vorname August. Theils aus philosophischem Sinn, noch mehr aber, weil er ausschließlich der Tonkunst leben wollte, hatte er die Gottesgelahrtheit aufgegeben. Für Tonkunst, in Tonkunst lebte, webte und strebte sein Genius; und so verstand es sich von selbst, daß er mit Wilhelminen in eine innigere Wahlverwandtschaft treten konnte, als die Uebrigen. Er spielte Klavier und Geige, sang auch einen recht artigen Bariton. Da kam es folglich zu Doppelsonaten und Duetten, welche Andere mit Vergnügen hörten, wobei die Vollziehenden aber das süßere und erhebendere Vergnügen empfanden. Wilhelminens Notensammlung enthielt auch manches Lied, von Jenem in Töne gesetzt, und sie redete manches von einem darin wehenden Geist, von den neuen, eigenthümlichen Gedanken, welche diese Lieder enthielten.

August wollte bei dem Allen höher hinaus. Es schien auch Noth zu thun, nachdem er auf ein Predigtamt Verzicht geleistet hatte; wozu aber auch – der Sage nach – das Consistorium seinen Genius wenig tüchtig erachtet haben sollte. Es schien, er habe über die Tonleiter die Himmelsleiter vergessen, oder gemeint: die Tonleiter führe auch zu Himmelsgefilden. Er sagte indeß vom hinderlichen Consistorium nichts.

Dem sei wie ihm wolle, – Vermögen, das geniale ausgenommen, besaß er keineswegs, und mußte kümmerlich von musikalischem Unterricht leben. Dagegen beschäftigte ihn seit einiger Zeit die Composition einer großen Oper, und er zweifelte im mindesten nicht, es würde auch dem Kunstwerth nach etwas Großes damit seyn. Denn nie hatte er solche Weihe im Genius empfunden, als bei dieser Arbeit. Es ist auch wahr, daß er sich höheren Aufflug gar sinnig zu bereiten verstand. Draußen in einem Garten der Vorstadt, und zwar in einem Lusthause desselben, das auf einer Höhe lag, und eine anmuthige Aussicht in die Umgegend öffnete, hatte er seine Wohnung aufgeschlagen. Maienblüthe, Jasminduft, Aurora, Sommerabendroth, helles Wintermondlicht übten begeisternde Einflüsse, und die heftig leidenschaftlichen Stellen fertigte August, während Aequinoctialstürme tobten. Nach Vollendung wollte er das geniale Singspiel den vorzüglichsten Bühnen in Deutschland verkaufen, und rechnete – auf dem Papier – die nöthige Summe zu einer Kunstwallfahrt ins gelobte Italien heraus. In Venedig, Mailand, Florenz, Rom, Neapel, Palermo dachte er Opern in Mozarts Styl zu schreiben, dann wie ein neuer Gluck in Paris, später in London wie ein Händel redivivus aufzutreten, und endlich, nach vorangegangener ansehnlichen Bereicherung, bei irgend einem deutschen Fürsten als Kapellmeister zu glänzen.

Der Plan schien so übel nicht, und der Meinung nach, welche die Schwester von dem kunstsinnigen Jüngling hegte, mußte dessen Ausführung schier nothwendig gelingen. Sie bezog sich dabei auf Schillers:

Mit dem Genius steht die Matur im vertraulichsten Bunde;