Was der eine verspricht, leistet die andre gewiß.
Mochten einige Kunstverständige auch sagen: es habe so gar viel mit dem Talent des jungen Mannes nicht auf sich; er sehe es mit überschätzendem, träumerischem Dünkel an, – Wilhelmine sprach dagegen: das sei die Stimme des Neides. Am liebsten würde sie den ihr so kunstverwandten August geheirathet, für die – ihm noch winkenden – Honorare Soldins Reichthum vergessen haben, und lieber auch Frau Kapellmeisterin als Frau von Lilienthal gewesen seyn; weil in jenem Falle auch ihres Mannes berühmter Name in allen europäischen Notenhandlungen glänzen würde. August war nicht schön – Alles ist nun einmal nie beisammen – und Wilhelmine sagte: Eduard gefalle ihr, der Außenseite nach, ungemein, auch noch mehr als Lilienthal; dennoch galt ihr August, der genievollen Herrlichkeit wegen, den höheren Preis. Sie war auch nicht abgeneigt, die ganze Reihe von Jahren zu warten, in denen Italien, Frankreich und England des Geliebten Ruhm krönen sollten, um endlich diesen Ruhm mit ihm zu theilen.
Aber – und das ehrt Wilhelminens Verstand – sie war von Liebe auch nicht so geblendet, daß sie, wenn eine andere anständige Heirath sich dargeboten hätte, sie würde abgelehnt haben. Wilhelmine kannte den Vorzug gewisser vor ungewissen Dingen. Doch – dies stand ganz fest – ihr Ideal sollte meistens erreicht seyn; sonst wollte sie ihre Hand gar nicht vergeben, und müßte sie auch lebelang unvermählt bleiben.
Nach diesem flüchtigen Abbild meiner Schwester wird man gestehn, daß sie, für ihren hellen Geist und ihr schön fühlbares Herz, auch ihr löbliches Streben sich zu bilden, ein gutes Glück verdient hätte.
Ich erwähne noch eines Advokaten, Namens Sauer, den man seltner, aber doch von Zeit zu Zeit, in unserm Familienkreise sah. Mein Vater hatte allerlei Geschäfte mit ihm, weshalb er denn aus Höflichkeit bisweilen eingeladen wurde.
Seinen Namen führte er mit der That: er war ein recht sauertöpfiger Gesell, bei einer unvortheilhaften körperlichen Bildung. Sein Gesicht hatten die Blattern entstellt, daneben war es schwammicht und fahl. Verstand ließ sich ihm nicht absprechen, doch zeugte sein Urtheil von einem lieblosen Gemüth; die satirische Laune, in welche er zuweilen ausbrach, hatte einen finstern und hämischen Styl. Fühlloser gegen das Schöne konnte Niemand seyn. Lief das Gespräch um reitzende Mädchen, so blieb er nicht allein eiskalt, sondern wußte auch viel an den Gestalten zu tadeln, bis er sie völlig herabgewürdigt hatte. Ueber Poesie spottete er wie über eine Narrheit, Musik war ihm unleidlich. Deshalb, und wegen seiner ganzen Sinnesart, war er auch meiner Schwester unleidlich; sie konnte ihr Mißvergnügen nicht hehlen, wenn Sauer ins Zimmer trat, und wich den Unterhaltungen mit ihm gerne aus.
Einst kam Wilhelminen jedoch zu Ohren: der Advokat hätte an einem dritten Orte gesagt: er ginge mit dem Vorhaben um, sie zu heirathen. Liebe, meinten die Hinterbringer, schiene dabei eben nicht sein Antrieb, vielmehr wohl der Umstand, daß man Wilhelminen, ihrer Talente wegen, so erhöbe; nun möchte er stolz mit einer beneideten Frau prunken. Bald, hatte er indeß noch erinnert, solle die Anwerbung nicht geschehn; in einigen Jahren erst, wenn seine Berufsgeschäfte mehr empor gekommen wären. Denn es gehörte noch zu dem Abstoßenden an diesem Ehrenmann, daß er wenig zu thun, und deshalb üble Vermögensumstände, neben manchen Schulden, hatte.
Wilhelmine entsetzte sich zum Theil, als sie das hören mußte, zum Theil lachte sie hell auf. Ich würde vor ihm schaudern, sagte sie, und wenn er eine Tonne Goldes besäße; ja, ich würde ihn, möchte er daneben auch jung und schön seyn, seines verächtlichen Gemüths wegen, doch fliehn. Ha ha ha! so ein Mann wäre für mich! Also nach etlichen Jahren will er obenein erst kommen, und zählt jetzt schon mehr als dreißig. Zu meinen Bedingungen gehört auch ein Abstand von höchstens sechs Jahren, zwischen Mann und Frau. Und hier sollte ich – – Hu hu! Mögen ihm die Freunde sagen: er solle sich den Verdruß eines, nicht einmal zierlich geflochtenen, Korbes sparen. Indeß – wird es auch nicht einmal dahinkommen. Der saubre Freier will ja noch etliche Jahre verziehn.
Allerdings meinte Wilhelmine, sie würde, nach diesem Zeitraum, schon lange angemessen vermählt seyn. Ich theilte diese Hoffnung; auf Soldin oder Eduard rechnete ich am meisten, obwohl ich auch dachte: meiner Schwester nicht alltägliche Vorzüge könnten noch andere zuständige Bewerber finden.
Meine Eltern hatten jedoch Wilhelminens Verheirathung nicht allein im Auge; ihre Söhne kamen daneben mit in Betracht. Keiner von jenen Vorgesetzten, die uns zu guten Aemtern helfen konnten, hatte eine mannbare Tochter; sonst dürften Jene vermuthlich hierauf einen Entwurf gebaut haben. Doch lebte ein gewisser Commerzienrath Hill in unserm Wohnorte, den mein Vater, schon seines aufgeweckten Humors wegen, gern sah. Hill sollte aber auch Reichthum besitzen, und der Aufwand in seinem Hause stritt gegen die allgemeine Sage nicht. Er hatte zwei Töchter, Emma und Minna, eben in der holdesten Blüthenzeit begriffen, und weiterhin noch so angethan, daß sie vor allen übrigen Mädchen in der Stadt glänzten. Beide waren ausgezeichnet schön: sie übertrafen Wilhelminen ohne Zweifel in diesem Betracht; und konnte dasselbe nicht von den ausgebildeten Talenten meiner Schwester gelten, so hatten Jene doch Manches, was, bei der Menge wenigstens, noch mehr in die Augen fiel. Dahin gehörte ein Studium des feineren Welttons, das sich kaum höher getrieben denken ließ. Sie wußten über Vieles zu sprechen, und geschah es nicht immer mit Gründlichkeit, so erwarben ihnen die einnehmende Weise, die lebhaften und treffenden Bemerkungen, der eingemengte und unbefangene Witz, Verehrer genug. Die Huldinnengestalten erschienen nicht bloß in den neusten Moden, sie wählten auch davon mit bewundertem geschmackvollem Sinn, und an reicher Kleidung überschimmerten sie alle Nebenbuhlerinnen, wie man auch in gefälligem, bildlichen Tanz ihnen das Meisterinnenthum zuerkannte. Die jungen artigen Männer umflatterten sie emsig; von Bräutigamen verlautete dagegen noch nichts.