Die Eltern meinten: wir Brüder würden nicht übel thun, wenn wir es auf Eroberung dieser Schönheiten anlegten. Reichen Mitgaben ließe sich bei ihnen entgegen sehn, und ein Mann, der eine schöne Frau habe, komme dadurch oft um so besser fort, weil er um so geachteter sei.

Das ließ sich hören, und ich fühlte mich zudem aufgelegt, den elterlichen Rath zu befolgen, weil Emma, die Schönere mir dünkend, bereits lange einigen Eindruck auf mein Gefühl machte. Otto ging schwerer daran, hatte auch einen gewissen steifen Ernst, und eine nach dem Amtsberuf klingende Sprachweise, die ihm den Eingang zur Frauengunst wenig öffneten. Dennoch versuchte er einige Aufwartung bei Minna. Sie that aber schneidend fremd, und als sie erst seine wahre Absicht zu durchblicken schien, dergestalt hochfahrend, daß Otto wohl ahnen konnte, sie wolle ihm alle Bemühung um sie verleiden. Er stand nun auch gleich um so mehr davon ab, als er noch daneben ausgekundet haben wollte: es stehe mit Hills Vermögensumständen nicht so, wie die Eltern glaubten; Unterrichtete sprächen vielmehr zweideutig davon. Ich meinte dagegen: Otto rede dem Fuchs ähnlich, bei den Trauben, die er nicht erreichen konnte, und setzte meine schon begonnenen Annäherungen bei Emma fort. Zuerst wär' es mir beinahe so schlimm gegangen, wie dem Bruder. Emma trug das griechische Näschen ziemlich hoch, und that schnippisch, wenn ich sie eine bedeutendere Zuneigung wahrnehmen ließ, als die allgemeinen Huldigungen, welche sie erhielt. Der Widerstand entwaffnete meine Liebe jedoch nicht, erhöhte sie vielmehr, und ich strebte bei allen Gelegenheiten, ihr es darzuthun. Nach und nach schien es demungeachtet, als ob ich ihr nicht ganz mißfiele, sie aber noch manches Bedenken trüge. Oft ruhten die schönen tiefblauen Augen mit Theilnahme auf mir, ja, sie blinkten und strahlten dergestalt Gefühl, daß ich die Hieroglyphen der Gegenliebe entzifferte. Bei dem Allen suchte Emma näheren Erklärungen sich zu entziehen. Um desto heller flammte es in meiner Brust: meine Liebe erreichte einen hohen Grad heftiger Leidenschaft; Emma war es, nicht ihre Glücksgüter, um die es in meinem Herzen rief, und ich dachte: wenn ich nur genügendes Vermögen, oder ein Amt mit hinreichendem Einkommen besäße, so würde ich Emma, wäre sie auch eine Bettlerin, mit Entzücken heirathen.

Einmal fügte es sich gleichwohl, daß ich meiner Geliebten dies Alles sagen konnte. Sie zuckte die Achseln. Mein Vater ist eigen, sagte sie, und Bitten ändern seine Grundsätze nicht. Wären Sie Geheimer Rath, so würde er Ja, und ich – nicht Nein sagen.

Geheimer Rath war ich aber nicht, und die Aussicht nach diesem Ziel durchlief eine weite Bahn.

Ich hehlte meinem Vater nichts. Er sagte: Wenn Hill seiner Tochter zwanzigtausend Thaler Mitgift auszahlt, so könnt ihr einander bald heirathen, und die Beförderung zum Geheimen Rath abwarten. Er gab dem Commerzienrath dies zu verstehn; der schnitt jedoch den Faden kurz ab, und besuchte, von der Zeit an, unser Haus mit seinen Töchter nicht mehr. Ich hätte verzweifeln mögen.

Noch manche Verdrießlichkeiten gesellten sich zum Schmerz meiner Liebe. Ich hatte den Präsidenten an meinem Landesstuhl in aufwallender Hitze beleidigt, weil er einen jüngeren Referendarius mir voranstellte. Um so weniger durfte ich nun Beförderung hoffen. Da Otto, um eben dieselbe Zeit, auf eine höhere Stufe in seinem Collegium erhoben ward, so demüthigte mich die Zurücksetzung noch mehr.

Es lebte jedoch ein Oheim in Rußland, der ein wichtiges Amt bekleidete. Er hatte meinem Vater geschrieben: Schicke mir einen von deinen Söhnen; hat er Kenntnisse, so werde ich leicht sein Glück machen. Otto hatte keine Lust, in die Ferne zu gehn; ich hingegen überlegte nun, daß manche Deutsche in Rußland zu einem schnellen Fortkommen gelangt wären, und daß, bei dem mächtigen Einfluß des Oheims, mir eine um so größere Hoffnung winke. Den Ort zu verlassen, wo mir so vieles theuer war, kostete meinem Herzen viel; doch weil es am Ersten auch seine glühenden Wünsche zu stillen vermochte, ermannte ich mich.

Zuvor schrieb ich an Emma, und befragte sie: ob ich hoffen könne, daß sie nach Rußland mir zu folgen geneigt seyn würde, sobald ich dort ein Amt von Bedeutung erlangt hätte. Sie antwortete zur Hälfte zärtlich, zur Hälfte mit kluger Vorsicht. Ihre Gegenliebe wurde so heiß geschildert, daß sie dadurch sich bewogen fühlen müsse, jedem Verlangen, das ich an sie richten würde, zu genügen; in so weit ihr Vater damit einverstanden sei. Wenn gleichwohl, ehe ich meinen Wunsch aussprechen könnte, dieser Vater anderweitig über ihre Hand zu gebieten veranlaßt werden sollte, dürfte sie – freilich nicht ungehorsam seyn.

Ich mußte mich hiermit begnügen, und eilte nach Rußland.

Was mir dort begegnet ist, mag nur flüchtig berührt werden. Ich gelangte durch meinen Oheim in eine Laufbahn, auf der ich vermuthlich eine höhere Ehrenstelle würde erreicht haben, wenn sich nicht gewisse Umstände ereignet hätten. Auch schien es mir hier zu weit aussehend mit einer namhaften Beförderung; ich hoffte schneller emporzusteigen, wenn ich mich in eine geheime Verbindung einließe, deren eigentliches Ziel mir Anfangs nicht bekannt war. Allerdings war es jugendliche Unbesonnenheit, die mich in bedenkliche Umtriebe verwickelte. Es kam an den Tag; ich wurde abgesetzt, und nach Sibirien geschickt.