Hier theilte ich das Loos aller Verwiesenen, hatte Zeit genug, über meine begangene Thorheit nachzudenken, und schleppte, zwischen Reue und Hoffnung, ein elendes Leben hin.

Erst nach beinahe zwanzig Jahren schlug die Befreiungsstunde; ich hatte damals auf weiteres Hoffen bereits Verzicht gethan.

Ich kam zurück nach St. Petersburg; mein Oheim war gestorben, hatte mich aber, auf den Fall, daß meine Verbannung enden sollte, zum Erben eingesetzt. Ein Vermögen von etwa dreißig tausend Rubeln wurde mir ausgehändigt.

Mit diesem Eigenthum beschloß ich wieder in meine Heimath zu gehn. Zwanzig Jahre lang hatte ich nicht die mindeste Nachricht von dort erhalten, um so stärker sehnte sich mein Herz nach Wiedersehn.

Auch die Stimme der Liebe war noch nicht darin verhallt. Auf jenen einsamen Schneegefilden hatte Emma nur zu oft meine Gedanken beschäftigt, und ihr Bild um so lebendiger vor meiner Fantasie gestanden, als mich dort kein Umgang mit anderen Frauenzimmern zerstreuen, oder in mir eine andere Neigung erwachen lassen konnte.

Freilich dachte ich aber auch oft: Sie wird längst verheirathet seyn. Es ist nicht glaublich, daß so viel Liebenswürdigkeit ungesucht verblüht wäre.

Auf dem Heimwege mußte ich zunehmend darauf gespannt seyn, in welchem Verhältniß ich Emma antreffen würde. Bisweilen dachte ich: Ganz unmöglich wäre es bei dem Allen nicht, sie noch ledigen Standes zu finden. Sie könnte mehr gezaudert haben, als ihr Brief es zusagte, und, selbst wenn sie von meinem Unglück Nachrichten bekommen hätte, einer nahen Befreiung davon entgegen gesehn haben. Denn schrieb mein Oheim seinem Bruder von den Ursachen meines Unglücks, so schilderte er mich gewiß auch weniger stafbar, als leichtsinnig, und vertröstete auf eine glückliche Wendung meiner Angelegenheit; die er selbst immer gehofft, und eifrig nachgesucht hatte, wie ich nach meiner Rückkunft aus Sibirien erfuhr. Noch ein Umstand machte es nicht ganz unwahrscheinlich, daß Emma unvermählt geblieben seyn könne, denn noch vor meiner Abreise aus der Vaterstadt gewann Otto's Behauptung, daß es um Hills Vermögen nicht am beßten stehe, Glaubwürdigkeit. So dachte ich denn jetzt: Selbst schöne Mädchen, wenn sie unbemittelt sind, bleiben zuweilen ohne Freier, und es könnte also hier auch so ergangen seyn.

Vielleicht hatte sich Emma aber auch vermählt, und ich fand sie jetzt als Wittwe. In jenem und in diesem Falle wollte ich sie besitzen. Ich träumte mir noch die Reste ihrer ehemaligen Schönheit entzückend, und empfand, nur etwas über vierzig Jahre hinaus, in meiner Brust um so mehr liebende Gluth, als ich sie im nördlichen Asien nicht abgekühlt hatte.

Daneben beschäftigte mich aber oft auch die Frage: Was mag aus den übrigen Lieben in dem langen Zeitraum geworden seyn? Von den Eltern ließ es sich kaum hoffen, daß sie noch lebten, wie heiß ich es auch wünschte; beide standen nahe an den Funfzigen, als ich von ihnen schied. Unmöglich war es demungeachtet nicht. Nächst ihnen lag mir die Schwester am Herzen. Vier junge Männer schienen Wilhelminen zu lieben, als ich mich entfernte. Kurz zuvor hatte es noch das Ansehn, als ob Lilienthal wirklich Ernst machen wollte. Man sprach neuerdings von einem Erbe, das ihm zugefallen sei, und einer ihm bevorstehenden Rangerhöhung. Ich konnte meinen: er habe räthlich gefunden, erst diese Umstände abzuwarten. Wo nicht, so hatte vielleicht Soldin bald nachher Entschlossenheit gewonnen, ihr sein Verlangen darzuthun. Oder fände ich etwa in Eduard oder August meinen Schwager?

Die Letzten sowohl, als jene Beiden, waren übrigens meine vorzüglichsten Jugendfreunde; verwandt mit ihnen oder nicht, regten die Schicksale, welche sie erfahren haben konnten, meine warme Theilnahme an. Ich wünschte Jeden beim Wiedersehn glücklich zu finden, und es mangelte nicht an Gründen, es zu hoffen. Lilienthal, der junge Officier voll Geist und Kraft, dessen einnehmende Außenseite ihm allenthalben Freunde gewann, und der bei meiner Abreise glänzende Aussichten hatte, war vielleicht nun Oberst, vielleicht General; wenn er anders in den Kriegen, welche sich unterdessen ereignet hatten, nicht geblieben war. Soldin lebte vermuthlich als ein wohlbegüterter Landedelmann ruhig, und in wirthlich genossenem Ueberfluß. Eduard konnte leicht mit seinem klugen Unternehmungsgeist viel erworben haben; wenn auch nicht alle Erwartungen seiner jugendlichen Fantasie eingetroffen waren. Ich glaubte mit Ueberzeugung, daß ich ihn wenigstens als einen angesehenen, wohlbemittelten Kaufmann begrüßen würde. August hatte einst Genialität dargethan; ich bezweifelte sie weniger, als einige Andere, bei denen, wie ich meinte, wohl Neid im Spiele seyn konnte. Und mochte einst, dachte ich nun, der junge Mann einen zu hohen Glauben an sich nähren; das spornt den Strebeflug, ohne den nichts gelingen kann. Ich zweifle, daß seine Plane nach ihrem ganzen Umfang gelungen seyn werden; mag es aber auch nur ein bescheidner Kreis seyn, in welchem August mit Erfolg sich bewegt: dann finde ich immer einen berühmten Componisten an ihm, den mindestens auch einige Wohlhabenheit oder ein anständiges Auskommen in einem, seinen Neigungen entsprechenden, Beruf erfreut. Ich dachte noch: Wenn ich schon ein mittelmäßiges Vermögen besitze, werde ich vermuthlich doch gegen die alten Freunde zurückstehn; August hat wenigstens einen berühmten Namen in seinem Kunstgebiet, und ich habe den meinigen eben nicht bekannt gemacht. Ich gestehe, daß ich an Otto weniger hing, als an jenen Freunden, und deshalb sein Schicksal nicht so zum Gegenstand meiner Wünsche und Hoffnungen erhob. Zwar verwies ich mir das aus Pflichtgefühl, als unbrüderlich; allein es war nun einmal so. Unsere verschiedene Gemüthsweise hatte schon in den Knabenjahren ein enges Vertrauen gehindert; und vor meiner Abreise entzweite ich mich noch heftig mit ihm. Denn er gab mir auf eine hochtrabende Weise Lehren, tadelte mein Benehmen im Collegium, und verwies mit Stolz mich auf sein Beispiel und das schon erreichte höhere Amt. Uebles konnte ich indeß meinem Bruder deshalb unmöglich wünschen, und hielt übrigens dafür, Otto würde vermuthlich einigermaaßen seinen Weg gemacht, aber es doch nicht zu etwas Ausgezeichnetem gebracht haben. Seine trockne Engherzigkeit schien für diese Meinung zu sprechen.