Auch unsere Verwandte, Charlotte, überging ich damal nicht, bei diesen, mir so viele Theilnahme erregenden, Betrachtungen. Es war ein unbedeutendes Ding, ohne Verstand und Schönheit, nur im Hauswesen tüchtig. Sicher glaubte ich, die Arme würde ohne Mann geblieben, und, wenn meine Eltern nicht mehr lebten, oder Wilhelmine sich ihrer nicht angenommen hätte, gezwungen gewesen seyn, irgendwo ein Unterkommen als Ausgeberin zu suchen. Denn ich urtheilte: ein Mann von Geschmack, selbst nur mit Charlotten in gleichem Standesverhältniß, hätte wohl eine Person nicht begehren können, die einer gewöhnlichen Magd – die schönen darunter ausgenommen – ähnlich sah. Und einem kleinen Bürgersmann, der platt genug empfunden, auf Schönheit gar nicht zu sehn, wohl aber eine rege Hauswirthin gesucht hätte, dürfte schwerlich auch das Wagstück eingefallen seyn, sich um die Verwandte eines Rathsherrn zu bemühen; und mein Vater dann auch seine Einwilligung versagt haben. Ich beschloß aber, wenn es sich dergestalt verhielte, Charlottens Lage nach meinen Kräften zu verbessern.
Endlich sah ich mit klopfender Brust die Thürme meiner Vaterstadt. Sie waren unverändert geblieben, bis auf den an der Hauptkirche. Seines baufälligen Zustandes wegen hatte man ihn bis zur Hälfte abgetragen, und mit einem kleinen stumpfen Dache versehn. Er prangte einst mit einer stattlichen Kuppel und Spitze; die Physiognomie der Stadt gewann durch ihn etwas heiter Aufstrebendes. Als Knabe hatte ich ihn mit einem erhebenden Wohlgefallen angesehn, und ihn oft bis zur sogenannten Haube erstiegen. Es verdroß mich, den alten Freund als einen Krüppel wiederzufinden; schier ahnte mir darin ein Zeichen übler Vorbedeutung.
Als ich näher kam, lächelte mich eine neue, hoch empor gediehene, Pflanzung von Pappeln an. Es war eine Verschönerung; sie würde mir gleichwohl anderswo besser gefallen haben, als hier. Dem erinnernden Bilde in mir widersprach sie, und machte mir die Gegend vor dem Thore fremd.
Ich stieg aus dem Wagen, mich desto bequemer umzusehn, und ließ den Postillon halten. Es war ein schöner Sommerabend; auf dem neuen Spaziergang lustwandelten Einwohner. Ich mengte mich unter sie, fand aber nicht einen der alten Bekannten hier. Auch das erregte mir Unmuth. Meinem Besuch nach zwanzig Jahren in der Vaterstadt, hob ich bei mir an, scheint wenig Freudiges entgegen treten zu wollen.
Wenn auch nicht gerade schon trübe, war ich doch nicht so heiter, wie ich auf der langen Reise gehofft hatte, daß ich es am Eingange der Heimath seyn würde. Von dem geahnten traulich heiligen Empfinden wehte mich jetzt nichts an, und ich klagte heimlich, daß es so sei. Immer wollte ich einen von den Unbekannten anreden, ihn um meine Eltern, um Wilhelminen, um Emma fragen, hatte gleichwohl nicht den Muth dazu. Ebenso zauderte ich, in die Stadt zu gehn.
Meine Blicke fielen auf die Thür des nahen Kirchhofs. Sie stand offen, und ich fühlte einen schwermüthigen Zug hineinzugehn. O wie viele neue Gräber! Doch auch viele neue Denkmähler, die von zugenommenem Luxus und verfeinertem Geschmack zeugten. Baumanlagen, sonst nicht vorhanden, Gitterwerke, die kleine Gärten umfingen, unter denen Todte ruhten, einzelne Hügel, mit Blumen geschmückt, konnten als liebliche Veredlungen des Anblicks trauernder Stille gelten. Aber sie riefen mir auch sehr lebhaft den Gedanken zu: daß Alles endet, wie schön es einst auch blühen und glänzen mochte.
Ich schlich an den Gräbern hin, und las die mancherlei Inschriften der weißen Steine und Eisenplatten. O, hier traf ich Bekannte genug! Ein Mal über das andere stieß ich auf einen Namen, der mir einst wenigstens nicht ganz gleichgültig ins Ohr tönte. Und nicht bloß ältere Personen, die ich vor Zeiten werth hielt, auch jüngere sah ich nun lange schon der Verwesung übergeben. Es war ein Mädchen darunter, das ich ein wenig geliebt hatte, ehe noch Emma den bleibendern Eindruck auf mein Herz machte. Jene war im ein und zwanzigsten Jahre verstorben, und ein Gespiele meiner frühsten Kinderjahre hatte nur bis zum dreißigsten gelebt.
Nun kann eine wahrhaft melancholische Stimmung über mich, und ich bebte, Namen zu sehn, die mich noch stärker rühren könnten. Des Gottesackers Hinterwand umliefen noch inwendig Begräbnißplätze in Gewölben. Mein Vater hatte sich dort einen erkauft, und den nöthigen Bau daran ordnen lassen. Als ich aus meiner Vaterstadt ging, hatten die Seinigen noch keine Anwendung von der neuen Ruhestätte machen dürfen. Ich gewahrte sie schaudernd, und nahte mich zitternd und wankend. Eine Steinplatte, mit Zeilen versehn, war in die Außenwand gemauert. Schon sah ich sie, eh ich die Zeilen noch lesen konnte. Ein Opfer also, dachte ich seufzend, hat sich der Tod aus unserm Kreis genommen. Mit grauenvoller Neugier eilte ich zu lesen, und vermochte es kaum. Es war die Mutter; sie schlief bereits zwölf Jahre hier. Der Kirchhof warf viel auf meine Brust!
Ich starrte einige Zeit die Tafel an, und ging langsam weg. Es gelang mir nicht, durch die Vorstellungen mich zu trösten: daß es sich kaum anders habe erwarten lassen, und daß ich von Glück sagen dürfe, wenn ich meinen Vater noch unter den Lebenden antreffe. Ich fühlte in dem Augenblick, was die übrigen Verwandten zwölf Jahre früher an diesem Grabe empfanden.
Wieder hinausgetreten, sah ich einen dürren bleichen Mann daher kommen. Er bewegte sich mit kleinen Schritten, und hustete im Gehen oft. Er trug ein schlechtes Oberkleid, und sein ganzer Anzug zeugte nicht von Wohlhabenheit. Mir war, als hätte ich ihn früher gesehn; doch besann ich mich auf Namen und Stand nicht. Es schien mir auch, als hätten Blässe und Falten das Gesicht merklich umgewandelt.