Lund pochte also auch hier an. Auf Schönheit und Betragen wurde eben nicht gesehen, weil es bei der Friseurstochter um Beides auch nicht sonderlich stand. – Einen Kaufmann zum Schwiegersohn zu haben – schmeichelte der Eitelkeit des Friseurs doch ein wenig; und auf sorgsame Erkundigung bei des jungen Mannes vorigem Principal, erfuhr er: Lund verstehe sich auf die italiänische doppelte Buchhaltung und die Waarenkunde ganz löblich, sei aber auch einem so schmutzigen Geitz ergeben, daß er nicht einmal ein Paar reputirliche Beinkleider habe.

Nun meinte der Haarkräusler: dem könne man schon eine Tochter anvertraun; habe er jetzt wenig, so werde er einst viel haben. Er gab daher sein Ja, sperrte sich aber im Punkte der Ausstattung ganz ungemein. So lange ich lebe, sagte er, gebe ich nichts; dafür aber auch Alles, was ich habe, wenn ich todt bin. Oh gehorsamer Diener, entgegnete Lund; da werde ich mich wohl hüten, die Jungfer Tochter zu lieben.

Endlich verstand der Brautvater sich doch dazu, zwei hundert Thaler, die Kleider und Leibwäsche seiner verstorbenen Frau, sammt einigem Zinn und Messing, herauszurücken. Lund hatte auf mehr gerechnet; weil der Friseur indeß bleich und hager aussah, zuweilen auch hustete, ließ Jener sich die Mitgabe doch gefallen. Denn als ein guter Rechner mußte er theils den Husten ins Gewinn-Conto stellen, theils den Umstand ins Verlust-Conto: daß er, wenn es hier nichts würde, vermuthlich in der ganzen Stadt kein Mädchen, das nur hundert Thaler werth sei, bekommen würde. Ein kupferner Kessel hätte doch beinahe Alles zerschlagen. Diesen wollte der Schwiegersohn noch haben, und der Schwiegervater nicht geben. Den Kessel, sagte Lund, und ich liebe; wo nicht, so lieb' ich nicht. Erst antwortete man ihm zwar: So lassen Sie es bleiben! rief ihn aber doch von der Treppe noch wieder zurück.

Mit drei hundert Thalern fing nun Lund seine Material- und Spezereihandlung an. Einiger Credit that freilich zu Anfang dabei Noth; er wurde indeß bald ansehnlich, als die Börse nicht mehr zweifelte: Lund strahle unter allen Filzen hiesigen Ortes wie ein Stern erster Größe hervor.

Er füllte nach und nach seine Niederlagen mehr, und breitete seine Geschäfte nach kleinen Städten aus, wo er die untergeordneten Krämer mit Waaren versah. Bald discontirte er auch Wechsel, und handelte mit Papieren; doch Alles mit einer so behutsamen Vorsicht, mit einem so richtigen Takt, daß es zu den seltensten Erscheinungen gehörte, wenn es sich zeigte, daß Lund einmal einen Fehlgriff gethan hatte. Nach funfzehn Jahren war es dahin gekommen, daß Papiere, welche Lund kaufte, sogleich ein Procent stiegen, und die Gattung hingegen, welche er ausbot, um etliche Procent fiel. Er merkte sich das, und führte bisweilen die ganze Börse an. Einmal besonders, in den Kriegszeiten, schrieen die Juden Weh über ihn. So eben war eine Schlacht gewonnen, die auf den künftigen Preis der Papiere einen entschieden vortheilhaften Einfluß erwarten ließ. Lund hatte Mittel gefunden, von dem Ereigniß noch zeitiger unterrichtet zu seyn, als die Juden. Er wußte, daß sie einen Agenten im Hauptquartier hielten, der ihnen den Ausgang der nahe bevorstehenden Schlacht sogleich durch eine Estafette melden sollte. Aber auch Lund hatte seinen Schwiegervater dorthin gesandt, und, um viel zu gewinnen, etwas daran gewagt. Der Friseur mußte als Courier herbeifliegen, und obenein auf den Postämtern etliche Schaffner bestechen, daß sie die Juden-Depesche mit lahmen Pferden expedirten. Nun kam die hochwichtige Botschaft um zwölf Stunden früher zu Lunds Ohren, und in diese zwölf Stunden fiel gerade eine Börsenmorgenzeit. Er ließ heimlich aussprengen: eine Hauptschlacht wäre verloren gegangen. Die Juden stritten anfänglich; doch weil ihre Estafette nicht eintraf, so meinten sie: der Feind könnte wohl schon die Postenverbindung stören, und fingen an, Lunds Nachricht zu glauben. Lund kaufte nicht selbst, bot vielmehr emsig feil, was den Papieren, auf die bereits das üble Gerücht wirkte, noch mehr schadete. Seine Bevollmächtigten mußten dagegen zusammenkaufen, so viel sie nur konnten. Eilig schlugen auch die Juden los, weil sie meinten: wäre erst die officielle Nachricht da, dann könnte ein noch tieferes Fallen der Papiere nicht ausbleiben. Damal gewann Lund auf Einen Schlag zwanzig tausend Thaler; der arme schwindsüchtige Friseur hatte aber von seiner übermäßigen Anstrengung den Tod.

Nun glaubte Lund, noch die Erbschaft von dem Schwiegervater zu heben. Schon lange sah er schmachtend danach aus; der Wohlselige aber blieb, bei seinem mäßigen Leben, trotz seiner Schwindsucht, immerfort, wie er seit zehn und mehr Jahren gewesen war. Nur der Couriergalopp hatte die Schwindsucht endlich zu einer galoppirenden gemacht.

Dies Mal täuschte sich Lund aber in seinen Erwartungen. Der Wohlselige hatte in der That einst etliche Tausend Thaler beisammen; kaum war indeß seine Tochter verheirathet, als die Mode seine Kunst in einen solchen Verfall brachte, wie einst die Gothen und Vandalen alle Kunst und Wissenschaft zu Rom. Schwedenköpfe, Titusköpfe, altdeutsche Köpfe, machten den armen Friseuren die Köpfe so warm, daß sie damit gegen die Wände hätten laufen mögen. In den ersten Zeiten ging es noch hin; nur junge Leute dankten ihre Haarkräusler ab, obschon ältere sie Modenarren hießen. Doch als erst im Lauf der Jahre auch Präsidenten und Geheime Räthe Zöpfe und Locken abschafften, als erst auch die Weisen Modenarren wurden, und die Damen ihr ungepudertes Haar durch Kammermädchen in Flechten aufstecken ließen: da war bei den einst hochgeachteten Künstlern ihres Leides kein Ende zu sehn. In so fern Lunds Schwiegervater jetzt nicht viel mehr verdiente, mußte er sein Kapital angreifen und immer davon zusetzen. Ein Unglück gesellte sich zum andern; in Folge des Kriegs hörte das Handelshaus, worin er das meiste Vermögen niedergelegt hatte, zu zahlen auf. Er sagte dem Eidam nichts von diesem Unglück, damit es seine Tochter nicht in Klagen und Vorwürfen empfinden sollte. Des Schwiegervaters nunmehrige Muße benutzte der Eidam genug, und vortheilhaft, zum Ausspähen und Aussprengen dessen, was seinen spekulativen Absichten frommte. Er mußte dabei auch andere, jetzt unbeschäftigte, Kunstgenossen in Thätigkeit setzen, aber sie für ihre Mühe oft aus seiner eignen Tasche bezahlen. Denn Lund versprach wohl ansehnliche Vergütungen; was er gab, war hingegen unansehnlich genug: freilich nicht in Lunds Augen; denn ihm galten schon etliche Groschen für etwas Ansehnliches. Noch ein schwerer Unfall traf den Verstorbenen. Wollte Lund durch fremde Hand kaufen lassen, so wurden des Schwiegervaters Freunde bevollmächtigt; er selbst mußte aber in der Nähe Acht haben, daß nicht Einer mit dem anvertrauten Gelde entwischte. Selbst ein Polizeibeamter, des Alten Vetter, mußte, schnellen Ergreifens wegen, bei der Hand seyn. Nichts destoweniger ging einmal ein Freund mit fünfhundert Thalern davon. Zu leichtfüßig spottete er alles Nacheilens, entkam aus der Stadt, und auch über die Landesgränze. Den Verlust hatte nun der Schwiegervater zu decken, und es kam mit ihm so weit, daß er, trotz seinem ehemaligen Vermögen und Geitz, doch wenig mehr als Puderbeutel, Brenneisen und Kämme nachließ, die, weniger Nachfrage halben, nicht einmal die Trödler kaufen wollten. Die übrige fahrende Habe reichte auch zu den Begräbnißkosten nicht hin, wie spärlich auch Lund dabei zu verfahren gebot. Er suchte für den Leichnam das Armenrecht in einem Gratissarg und Zubehör nach; die Obrigkeit wollte sich aber nicht zur Liberalität bei einem Todten verstehn, der einen reichen Schwiegersohn hinterließ. So mußte schon Lund zutreten; und wie er auch allen eitlen Aufwand vermied, so kostete es ihm doch um so mehr Aerger, als die an seines Schwiegervaters Ableben geknüpfte Hoffnung gänzlich zerrissen war.

Bei jenen sonntäglichen Spaziergängen im Freien blieb auch seine Gattin nie mit Vorwürfen über die eben erzählten Umstände verschont. »Anstatt, daß ich hoffte,« sagte Lund, »von Deinem Vater zu erben, mußte ich ihn noch begraben lassen. Was habe ich nun von Dir gehabt, mein Kind? Zwei hundert Thaler! Denn Kleider, Wäsche, Zinn, Messing und den kupfernen Kessel kann ich doch nicht mitrechnen; Du trägst sie, oder brauchst sie in der Küche. Zwei hundert Thaler sind immer nicht zu verachten, das weiß ich wohl; aber ich kann doch auch nicht einmal behaupten, daß sie mir zu Gute gekommen sind. Denn in den langen Jahren hast Du gewiß zwei hundert Thaler in Essen und Trinken verbraucht; ja, ich habe noch zulegen müssen; zu geschweigen, was die Tochter kostet: eine Last, die Du mir auch aufgebürdet hast.«

Frau Lund erwiederte ihm zwar: Auf meinen zwei hundert Thalern hat doch ein ziemlicher Segen geruht, und mein verstorbener Vater brachte Dir auch noch manchen Thaler ein. Herr Lund bewies aber: seine Spekulationen, sein saurer Fleiß und Schweiß hätten alles gethan. An dem Verlust, den ihr Vater einige Mal gelitten hatte, sollte auch Niemand schuld seyn, als die Tochter. »Du hättest ihn erinnern sollen,« sagte Herr Lund, »daß er sein Geld nicht bei Weber et compagnie lassen müsse; man sprach von diesem Hause schon lange nicht gut an der Börse. Mir wollte er immer nicht sagen, wo sein Geld stände; sonst hätte ich ihm längst ein aviso gegeben. Du hättest ihn auch vor dem spitzbübischen Friseur warnen können, der mit fünfhundert Thalern durchging. Als eine Friseurs-Tochter hättest Du den Spitzbuben wohl kennen sollen. Aber Du bist eine dumme Gans, von der ich alle mein Lebelang nur Schaden gehabt habe.«

Auch seine Tochter Philippine, die gegen das Ende seines Lebens etwa neunzehn Jahre alt war, hatte bei den Spaziergängen ihre Noth. Der erste Vorwurf ging immer auf ihr ganzes Daseyn. Hätte ich Dich nicht, sagte er, o wie viel könnte ich sparen! Gewöhnlich folgten dann Verweise, daß seine Tochter eine Putznärrin sei. Lund pflegte noch hinzuzusetzen: »Und warum bist Du eine Putznärrin? Du denkst wohl einem Mann zu gefallen? Und das könnte am Ende wohl seyn; denn – auch ein großer Fehler an Dir! – ganz passabel siehst Du aus. Ah, gehorsamer Diener! Du sollst nicht heirathen, kannst ledig bleiben. Wenn ein Bräutigam kommt, so will er auch haben; und wo soll man's hernehmen bei den schlechten, nahrungslosen Zeiten, wo aller Handel und Wandel stockt!«