Möchten junge Leser durch meine Erzählung sich bewogen fühlen, zeitig über die Veränderungen nachzudenken, welche die Zeit hervorbringt! Möchten sie, was ihnen das Glück gab, fest halten, da es launenhaft ist! Möchten sie ihre Ansprüche nicht übertreiben, da diese oft betriegen! Möchten sie im Schönheits-, im Talentgefühl, weniger Aufmunterungen zum Hoffen, als Warnungen vor Mißbrauch sehn! Und endlich, möchten sie an Wilhelminens Satz glauben: »Tugend ist der beßte Pilot auf dem Lebensmeer, und erhebt über ein feindliches Schicksal.«

Der
lustige Todesfall.

Eine komische Erzählung.

Der lustige Todesfall.

Herr Lund, ein Kaufmann, der – nach Börsentaxe – hunderttausend Thaler, und wohl noch einige Tausend darüber, werth seyn mochte, starb, zur größten Verwunderung seiner Frau. Denn oft hatte sie gesagt: Mein Mann stirbt gewiß nicht; er ist ja einer von den reichsten Leuten in der Stadt, und so klug obenein! Er wird schon wissen, wie man es zu machen hat, daß man nicht zu sterben braucht. Sagten ihr Bekannte dagegen: der Tod sei so unhöflich, nicht Reichthum, nicht Klugheit zu achten; dann bemerkte Jene – doch in Vertrauen –: so stürbe ihr Mann gewiß nicht vor ihr, sondern werde sie überleben: sie habe kein Glück; was sie wünsche, treffe nie ein, das wisse sie schon.

Demungeachtet rief Jenen der Tod ab, und noch früher, als seine bis dahin ziemlich feste Gesundheit es hätte erwarten lassen. Eine plötzliche Erkältung zog ihm einen Schlagfluß zu, der in wenigen Stunden eine Ladung für Charons Nachen aus ihm machte.

Die Wittwe schlug ihre Hände zusammen. Da sieht man's, rief sie nun: unverhofft kömmt doch oft!

Ist er auch gewiß todt? fragte sie den noch beschäftigten Arzt. Kann ich mich darauf verlassen? – Der Arzt gab ihr die heiligsten Betheurungen, und bekam einen reichen Ehrensold für die vergebens angewandte Mühe.

Die Wittwe vergaß auch dem Manne nicht, was er zuletzt für sie gethan hatte. Sie ordnete nicht nur eine stattliche Beerdigungsprozession an, sondern bewies ihm auch ihre Dankbarkeit noch durch einen marmornen Grabstein mit Urne und Todesengel. Unter den Lügen, welche die Inschrift enthielt, war die gröbste: daß Lunds betrübte Wittwe ihm dieses Denkmahl errichtet habe.

Prüfte man die Sache genau, so ließ es sich der Nachgebliebnen eben nicht verübeln, wenn sie über den Todesfall ihre Haare nicht ausraufte. Sie hatte über den Verstorbnen immer die – auch nicht ungerechte – Klage geführt, daß er ihr zu wenig Vergnügen mache. Wenn Alles im Hause bereits zur Ruhe gegangen war, saß er noch an den Büchern, und rechnete dem Buchhalter nach. Morgens stand er am frühsten auf, weckte seine Leute, sah in die Niederlagen, und schmälte arg, wenn er irgend etwas nicht so fand, wie er es finden wollte. Abends und Morgens bekümmerte sich Lund folglich gar nicht um seine Gattin, den Tag über hingegen desto mehr. Früh bekam sie Weisungen, die Köchin zu mehr Sparsamkeit anzuhalten, und darüber zu wachen, daß sie keine Provision am Markt-Einkauf nähme. Mittags gab es gewöhnlich Verweise, daß das Essen zu gut sei, was für die schlechten Zeiten nicht passe. Nachmittags empfahl er seiner Ehehälfte, als eine gesunde Motion, die Mörserkeule zu regen, und gegen Abend ward sie ersucht, den Ladendienern Corinthen, Mandeln, Reiß und andere Material-Waaren, von Unsauberkeiten reinigen zu helfen. Von Schauspiel, Gastereien, und was dahin gehört, war die Rede nie. Aeußerte Frau Lund bisweilen einen Wunsch nach Zerstreuung, dann hieß es: der sonntägliche Kirchengang zerstreue genug. Bei schöner Frühlings- und Sommerwitterung, nach vorsichtigem Aussehn, ob nicht etwa Regen die Kleidungsstücke mit Nachtheil bedrohe, ging Lund auch wohl mit Frau und Tochter am Sonntage vor's Thor. Da man sich dort in das weiche Gras setzte, und in die Anmuth der Gegend sah, würde es immer seine Idyllenwirkung nicht ganz verfehlt haben, wenn der Hausvater, von Landluft umweht, die Stadt vergessen hätte. So aber pflegte er diese Gelegenheiten zu nützen, seinen Frauenzimmern ausführliche Strafpredigten zu halten, weil die Geschäfte zu Hause ihm nur kurze vergönnten. Er bewies dann seiner Frau: daß sie bei weitem nicht mit so geringem Wirthschaftsgelde auszukommen verstehe, wie seine Mutter vor dreißig Jahren, und daß sie eine dumme Gans sei, die sich von den Köchinnen, so lange er sie zur Frau habe, Tag für Tag betriegen lasse. Er hatte nicht völlig unrecht; denn was man Geist nennt, war an Frau Lund eben nicht zu erschaun: sie ließ es bei der Seele bewenden. Wo hätte sie aber auch Geist hernehmen sollen? Ihr Vater hatte sich zwar einst mit Köpfen vielfach beschäftigt, doch für den Kopf seiner Tochter um so weniger etwas gethan, als er sehr geitzig war. Weiland Haarkräusler, gehörte er zu den kunstsinnigsten seiner Kunstgenossen, hatte deshalb auch die meiste Beschäftigung in der Stadt, und frisirte keine Braut unter einem Thaler. Vor zwanzig Jahren wollte Lund sich besetzen. Als Ladendiener hatte er nur hundert Thaler zusammensparen können; nun meinte er: wenn er eine Frau mit etlichen Tausenden nähme, und jene Hundert dazu fügte, so würde sich schon eine solide Materialhandlung gründen lassen. Er klopfte da und dort an, wo sich Tausende vermuthen ließen; doch nirgend wurde ihm aufgethan. Das hatte seine Gründe. Wer Tausende besaß, wollte ihnen auch etwas Namhaftes begegnen sehn; auch war Lund nicht eine schöne, sondern vielmehr eine häßliche Mannsperson, und hatte ein nicht für, sondern gegen ihn einnehmendes Betragen. Nun spekulirte er endlich auf die Tochter des Haarkräuslers. Sie war das einzige Kind; der Vater lief mehr als den halben Tag in seinem gepuderten Rock umher; Präsidenten und Geheime Räthe, Damen vom ersten Rang, gehörten zu dem weiten Kreis seiner Praxis. Auch ging die Sage, daß es ihm gelungen wäre, zwei tausend Thaler zu sparen, die er in sichern Handlungen auf gute Zinsen untergebracht habe.