Eins will ich Dir gestehn. Als August sich nicht mehr bei mir einfand, schmerzte es mich tief; späterhin war es mir aber äußerst lieb, daß ihn mein Mann entfernt hatte.
»Deine Tugend, gute Wilhelmine, hatte folglich – Glück. O nicht allein andere Menschen bleiben uns Räthsel, auch das eigne Herz bleibt es. Laß uns aber nicht zu weit ins Feld der Moralphilosophie dringen. Erzähle mir von Charlotten das Nähere.«
Eigentlich – möcht' ich es doch nicht blinde Liebe nennen, was Herrn von Soldin an sie zog. Im Punkte der Schönheit empfand er einmal nicht wie Andere. Charlottens runde, derbe Formen – mochten anders Urtheilende sie auch plump nennen – hatten Reitz für ihn.
»Ha ha ha! Er hatte den Geschmack der Algierer, welche ihre Mädchen zu mästen pflegen. Auf das Gesicht kömmt es nicht an; Schönheit wird durch die Fettigkeit bestimmt.«
Soldin suchte eine wirthliche, anspruchlose, einfache Hausfrau; und weil er sie fand – ließ, nach seinem Sinn, die Wahl sich auch klug nennen. Und soll man fremden oder eignem Sinn folgen? Bereuen durfte er seine Wahl auch nicht. Sein Vater ist lange todt; beide Eheleute wirthschaften gut; die Heimsuchung des Kriegs ist überstanden, und Soldin noch immer ein Mann von hunderttausend Thalern.
»So finde ich wenigstens Einen der Jugendfreunde nicht unglücklich.«
Charlotten muß ich nachrühmen, daß sie weder stolz, noch fremd gegen uns geworden ist. Sie schickt mir manches in Küche und Keller, und wenn die Noth hier zuweilen hoch stieg, suchte ich bei ihr auch anderweitige Hülfe nicht vergebens, ob sie gleich, wie ich, fünf Kinder hat.
»Brav! ... Fortan sollst Du mit ähnlichen Bitten ihr nicht lästig werden.« –
Ich that nun alles, was ich mir vorgenommen hatte, und fühlte mich im Kreise der geliebten Schwester und ihrer Kinder, die ich bald, als wären sie die meinigen, liebte, so glücklich als man es, über vierzig Jahre hinaus, und – in diesem Leben, seyn kann. Die erlittene Sklaverei in Sibirien ließ mich das Glück der Freiheit um so höher achten und genießen.
Auch Wilhelminens Ehe gewann nun, nach dem Verschwinden der Nahrungssorgen, mehr Eintracht, und meine Gegenwart nöthigte ihren Mann zu einem sanfteren Betragen. Auch Menschen von tadelhaftem Charakter bessern sich nach Umständen.