Die Gemüthsanlage muß sich durch kräftigen Tugendwillen veredeln lassen. Umstände, welche uns zu verlocken geeignet sind, nahen sich uns so leicht nicht, wenn wir selbst vorsichtig davon entfernt bleiben.
»Zum Theil gebe ich das zu, doch nur zum Theil. Immer wird auf dem ungestümen Lebensmeere das Glück einen weiten Spielraum behalten.«
Tugend bleibt dennoch auf diesem Meere der sicherste Pilot. Und umfängt sie das Glück nicht, so wird sie doch am kräftigsten über das Entbehren desselben trösten und beruhigen.
»Ja, diesen Satz muß ich ohne Einschränkung unterschreiben. – Doch Schwester, ein Wort in Vertrauen. Dein Mann klagte über die öfteren Besuche, die August Dir gemacht hat. Jetzt wirst Du ihn ohne Zweifel verachten. Es geschah auch nur im Anfang Deiner Ehe, wo er noch nicht zum Trinker herabgesunken war. Offen – hatte Dein Mann gerechte Ursache, zu fürchten?«
Nein! Nur Wahlverwandtschaft unserer Ideen und Gefühle vereinigte mich mit August.
»Es scheint mir – Du hast ihn einst wirklich geliebt, so gut wie ich Emma, Und ihn so wenig richtig beurtheilt, wie ich die Geliebte.«
Wenn ich das einräumte, so könnte ich getrost auch hinzufügen: daß ich diese Liebe doch nie über meine Vernunft und Pflicht Herrin werden ließ.
»Hätte sie es aber – durch Zeit und nähere Gelegenheit als im Vaterhause – nicht werden können?«
Ich – glaube nicht.
»Du liebtest Deinen Mann nicht, und empfandest doch ein mächtiges Bedürfniß zu lieben.«