Dann aber auch standhaft gebliebne Tugend um so beredter loben.
»Allerdings! O Emma, wärst Du tugendhaft geblieben!«
Dann würde sie noch einen späten Lohn in Deiner Hand empfangen haben.
»Die Thörin noch, bei ihrer Verworfenheit! Was soll man übrigens zu einer Anlage sagen, wie ich vorhin sie erwähnte? Ist sie natürlich, und können die Grundsätze, welche eine sorgsame Erziehung einflößt, sie nicht verdrängen, so entschuldigt das Verbrechen sich ja beinahe ganz.«
Nein, da stimme ich Dir nicht bei.
»Und eine Tugend, die nur in der Abwesenheit gewisser schlimmen Neigungen besteht, folglich nicht kämpfen darf, hat keinen Werth.«
Freilich wird die Tugend erst edel, wenn sie, vom edlen Grundsatz begeistert, diesen in sich zu solcher Kraft erhebt, daß er die schlimme Anlage niederzuhalten vermag. Dies aber soll und muß die Tugend. Gänzliche Abwesenheit böser Neigungen ist wohl auch selten; die Umstände wecken sie, wenn sie auch schlummern.
»Die Heftigkeit des Temperaments, welche den Umständen entgegen tritt, ist aber auch verschieden.«
Wohl kein Phlegma ist so tief, daß nicht manche Lüste daraus hervorgerufen werden könnten.
»Es kommt aber in jedem Fall noch auf die Umstände an, ob sie mehr oder weniger auf den Menschen eindringen. Die physische Gemüthsanlage bekommen wir aus den Händen der Natur, über ihre Entwickelung vermögen die Außendinge mehr, als wir. Manche sind glücklich genug, bei einem ruhigen Sinn noch solchen Umständen fern zu bleiben, die verlockend auf sie eindringen könnten.«