Am anderen Morgen, als Albrecht auf die Jagd gegangen war, schickte Elisabeth durch einen Knecht ein Brieflein an ihren Bruder Bruno von Bödigheim auf Dauchstein, des Inhalts: »Spute dich, mit Julianen ins reine zu kommen! Ein anderer wirbt um sie. Elisabeth.« –
Während sich Gefreunde und Gegner mit Junker Hans beschäftigten, die einen seine Verbindung mit Juliane möglichst zu fördern, die andern sie nach Kräften zu hintertreiben suchten, saß er selbst still und zufrieden auf seiner Burg, ohne im entferntesten zu ahnen, wie fleißig hinter seinem Rücken an seinem Glücke geschmiedet wurde. Von allen Mitwirkenden ward es sorgsam vor ihm verschwiegen; nie hörte er die leiseste Anspielung darauf, wohin er auch kam und mit wem er auch zusammentreffen mochte. Noch weniger aber drang in sein hochgebautes Felsennest die geringste Kunde von der Möglichkeit, daß in diese halb vernachlässigten Räume eine Herrin einziehen und kraft ehelicher Gewalt mit Ordnungs- und Schönheitssinn hier walten und schalten könnte.
Burg Schadeck war ein rechter Junggesellenhort, denn Hans litt keinen verheirateten Menschen um sich, weder vom männlichen, noch vom weiblichen Geschlecht. Marx Drutmann, der des Junkers Waffenmeister, Marschalk und Schildknecht in einer Person war und die Aufsicht über Tor und Mauern, über den Stall und die Knechte führte, war auch in seinen jüngeren Jahren nie beweibt gewesen, und Ursula, die dem kleinen Hauswesen, der höchst einfachen Küche und dem wohlbestellten Keller als Schaffnerin vorstand, war eine ganz alte Jungfer.
Außer dem edlen Weidwerk, einem fröhlichen Fehderitt und einem vollen Becher liebte Hans noch zwei Dinge: das Schachspiel und das Harfenspiel. Er besaß ein sehr kostbares Schachspiel, das in London angefertigt war, und das er einst zu hohem Preise von einem Heilbronner Kaufmann erstanden hatte. Das Brett, dessen goldumrandete Felder teils aus Silber mit zierlich eingegrabenen Blumen und Blattwerk, teils aus zusammengesetzten Stücken von rotem Jaspis bestanden, war so groß, daß es füglich als Schild zur Deckung des Leibes dienen konnte, und hing, wenn es nicht benutzt wurde, mit zwei starken Ringen an in der Wand eingeschlagenen Haken. Die Figuren, aus Walroßzahn geschnitten, die einen weiß, die andern rot gebeizt, waren faustgroß und so schwer, daß sie nicht zu verachtende Wurfgeschosse abgeben konnten. König und Königin saßen zu Pferde, die Rössel oder Springer waren Ritter, die Alten oder Läufer waren Bischöfe, die Rochen turmtragende Elephanten. Hans war ein leidenschaftlicher Schachspieler, jeder Partner war ihm dabei recht, aber wenige waren ihm darin gewachsen. Es gewährte ihm eine kindliche Freude, wenn er Schach und Abschach bieten konnte, und er hatte sich außer den gebräuchlichen Zabelworten kleine, sinnreiche Sprüchlein angewöhnt, die er dem Gegner zum Trost oder zum Spotte vorsagte, wenn er ihm mit einem geschickten Zuge eine Figur nahm.
Wenn er aber, was ja meistens der Fall, allein war, so griff er gern zu dem Gegenstande, der ihm unter allen seinen Habseligkeiten am höchsten im Werte stand und ihm von seinen Brüdern zur Aufbewahrung anvertraut worden war. Das war die kleine Harfe des Minnesängers Bligger von Steinach aus der glanzvollen Zeit der Hohenstaufen. Sie war fast zweihundert Jahr alt und eine sogenannte Schwalbe, ein dreieckiger, mit kunstloser Schnitzerei verzierter Holzrahmen, in dem nur zwölf Saiten gespannt waren; aber die Landschaden hielten wie das Andenken, so auch dieses Erbstück des Ahnherrn gleich einem Heiligtum in Ehren. Sonst besaßen sie nichts mehr von ihm, nichts Handschriftliches und leider auch nicht jenes berühmte, große Gedicht, »Der Umhang«, von dem zeitgenössische Minnesänger, vor allen Gottfried von Straßburg, in Ausdrücken des höchsten Lobes sprechen, daß die Worte darin von den Fittichen der Laute wie Adler emporschwebten und die Reime wie geworfene Messer zum Ziele flogen. Der Umhang bedeutete einen Wandteppich, dessen Stickereien als lebende Bilder und fortschreitende Handlung in dem verlorengegangenen Gedicht geschildert und erzählt waren. Ein paar von einer späteren Hand aufgeschriebene Lieder des Sängers bewahrten die Nachkommen noch, und Hans summte sie leise vor sich hin, wenn er einsam die alten Saiten schlug und sich an dem Spiel erfreute, in dem er es zu einer ziemlichen Fertigkeit gebracht hatte.
Zumeist verdankte er diese Kunst wunderlichen Gästen, die ungeladen bei ihm vorsprachen, aber ihm stets willkommen waren, – fahrenden Spielleuten. Keiner dieser Unsteten, Heimatlosen ward am Burgtor abgewiesen. Er bewirtete sie und beschenkte sie; sie mußten ihn im Saitenspiel unterweisen, ihm etwas vorspielen und singen, und von ihren Wanderfahrten erzählen. Wenn Hans mit einem Spielmann beim Becher saß, so vergaß er, daß er ein hochangesehener Burgherr und Ritter war und jene nur bettelarmes, vogelfreies Volk, das auf der Landstraße wohnte und hinter dem Zaune schlief. Dann regte sich in ihm das alte fröhliche Sängerblut Bliggers von Steinach, dann stimmte er lustig mit ein und spielte und sang und trank mit seinem Gaste bis in den grauenden Morgen hinein. Das wurde unter dem Vagantentum Schwabens und der Pfalz bald bekannt, und Sommer und Winter kehrte manch einer, der die Fiedel strich oder die Laute schlug und singen konnte, – trinken konnten sie alle – bei dem gastfreien Junker Hans Landschad von Steinach auf Burg Schadeck im Neckartal ein, wo keine strenge Hausfrau den Anklopfenden von der Stelle wies oder dem nächtlichen Gelage Einhalt gebot. –
Die Tage vergingen, ohne daß eine Botschaft von Julianen eintraf, worüber Bligger sehr ungeduldig wurde. Um über alle Abmachungen wohl unterrichtet und auf jeden Anschlag der pfalzgräflichen Hofkammer oder des Gaugrafen in Angelegenheit des Hagestolzenrechtes vorbereitet und dagegen gewappnet zu sein, ließ er sämtliche Verschreibungen und Briefe der Mittelburg von Isaak Zachäus genau durchsehen und sich von ihm Auszüge daraus anfertigen. Der Vertrag über die Verpfändung des zur Minneburg gehörigen Waldes war einfach und bestimmt in seinem Wortlaut und konnte zu einer verschiedenartigen Auslegung keinen Anlaß geben. Aber Bligger wollte sich auch endlich einmal darüber klar werden, was von dem Grund und Boden unter dem Banne der Steinachs eigentlich Wormsisches und Speierisches Lehen und was ihr freies Erbgut wäre. Das Geschlecht der Landschaden saß schon so lange im ungestörten Besitz, und eine Erledigung der Lehen durch Aussterben des Mannesstammes war in Ansehung der in der Familie aufwachsenden Nachkommenschaft so wenig zu befürchten, daß sich keiner von ihnen um diese Rechts- und Lehensverhältnisse gekümmert hatte und die Grenzen der einzelnen, zu einem großen Ganzen vereinigten Gebietsteile recht kannte. Ferner wollte Bligger über die Einsetzung des Neckarzolles am Dilsberge, wo die Kette über den Fluß gespannt war, und über seine Verpflichtungen gegenüber den pfalzgräflichen Ansprüchen Genaueres wissen. Das alles sollte ihm Isaak Zachäus aus den Urkunden ausziehen und übersichtlich zusammenstellen.
Ernst wußte, daß der dienstbeflissene Gast seines Vaters mit dieser langwierigen Arbeit beschäftigt war und leistete ihm eines Tages dabei Gesellschaft, um sich von ihm über den Inhalt und Wert der vorhandenen Urkunden unterrichten zu lassen. Mit anerkennenswerter Ausdauer hielt der künftige Erbe dieser zahlreichen Besitztitel bei der trockenen Erklärung derselben aus; aber endlich ward er dessen überdrüssig. Er ging daher gegen Abend nach Burg Schadeck hinauf, um sich mit Ohm Hans die Zeit auf angenehmere Weise zu vertreiben. Wie groß war aber sein Erstaunen, als er beim Eintritt in das Zimmer des Oheims diesen mit Josephinen am Schachbrett sitzen sah.
»Kommst eben recht!« rief ihm Hans entgegen, »hier kannst du einen Schachspieler sehen, der seinen Meister sucht.«
»Ich wußte nicht, daß Joseph sich darauf versteht,« erwiderte Ernst.