Zwölftes Kapitel.

Sidonie ritt heiter und wohlgemut durch den Wald nach Neckarsteinach. Als sie ungefähr noch eine Viertelstunde davon entfernt war, winkte sie den hinter ihr reitenden Knecht zu sich heran und befahl ihm: »Eberle, trabe voraus nach Burg Schadeck zu Junker Hans Landschad, melde ihm meine Ankunft und ersuche ihn in meinem Namen, sofort nach der Mittelburg zu Herrn Bligger zu kommen; ich brächte den Herren eine wichtige Botschaft.« Der Knecht trabte voraus, und Sidonie folgte ihm im Schritt, mit dem breitkrämpigen, federgeschmückten Reisehut, der ihr Gesicht vor der Sonne schützte, und in dem eng anliegenden Reitkleid, das ihre schönen Formen reizvoll hervorhob, eine anmutige und stattliche Reiterin. Unterwegs hatte sie sich überlegt, wie sie nicht allein das ihr Aufgetragene gut ausführen, sondern auch noch ein wenig darüber hinaus durch eigenes Dazutun alles in die rechten Gleise bringen wollte, und hatte nur noch die eine Sorge, ob sie auch wohl ihre Verwandten alle zu Hause antreffen würde. Aber das fröhliche Sonntagskind baute auf sein Glück und lächelte hoffnungsvoll den vier stolzen Burgen der Landschaden zu, deren sie auf den jenseitigen Höhen nun ansichtig wurde.

Als sie mit der Fähre über den Neckar gesetzt war, kam ihr, eben um die Ecke biegend, wo der Weg von der Mittelburg herunter in die Landstraße mündete, Ernst mit einem jungen Menschen in einem langen Rock entgegen. Sobald er die Reiterin erkannte, rief er ihr ein freudiges »Willkommen, Sidonie!« zu und war schnell an ihrer Seite.

»Alle zu Hause?« frug sie, ihm die Hand vom Pferde herab reichend.

»Jawohl!« erwiderte er. »Bringst du Botschaft von Frau Juliane?«

»Ja!« nickte sie, »gute Botschaft!«

Er schritt neben ihr her, und als sie zu der Stelle kamen, wo Ernsts Begleiter stehengeblieben war, grüßte dieser höflich, Sidonien ebenso aufmerksam betrachtend wie diese ihn, und ging dann allein weiter, während Ernst die Freundin zur Mittelburg hinaufbegleitete.

»War der dunkeläugige Jüngling mit dem Mädchengesicht ein Klosterschüler?« frug Sidonie, als sie außer Hörweite von jenem waren.

»Nein,« erwiderte Ernst; »es ist der Sohn eines Juden, der seit einiger Zeit in Diensten meines Vaters bei uns wohnt. Ich habe Freundschaft mit ihm geschlossen und streife Tag für Tag mit ihm im Walde umher.«

»Isaak Zachäus', des Sterndeuters Sohn?«