So lange die Landschaden mit den Rüdts in gutem Frieden lebten, waren sie oft zusammengekommen, und Ernst hatte sich schon früh zu Richilde, Herrn Zeisolfs und Frau Julianens blondlockigem Töchterlein, lebhaft hingezogen gefühlt, hatte mit ihr gespielt und gescherzt, ihr dann, als sie den Kinderschuhen entwachsen war, in jugendlich feuriger Weise den Hof gemacht und sie vor allen anderen Burgfräulein mit tausend kleinen Aufmerksamkeiten, die sie sich gern von ihm gefallen ließ, so augenscheinlich bevorzugt, daß man die beiden schon öfter miteinander geneckt hatte. Dann war die Fehde ausgebrochen, und sie hatten sich nicht wieder gesehen; aber Ernst hatte noch oft an seine junge Freundin gedacht und sich manchmal nach ihrem lieblichen Anblick gesehnt.

Mit der Erinnerung an jene glückliche Zeit war er immer tiefer in den Wald hineingekommen, als plötzlich aus der Ferne ein heller Laut an sein Ohr schlug, der wie eine Menschenstimme klang. Er hielt und lauschte; da hörte er es wieder und deutlicher als zuvor; es schienen mehrere Stimmen zu sein, und wie ein fröhliches Gelächter durchschallte es den schweigenden Forst. Er ritt langsam weiter, dem Klange nach, und als er so nahe heran war, daß er die Stimmen, die ihm von Mädchenlippen zu kommen schienen, zu unterscheiden vermochte und schon einzelne Worte zu verstehen glaubte, stieg er ab, band sein Pferd an einen jungen Baum und schlich vorsichtig zu Fuß dem Schauplatz der den Wald durchdringenden Fröhlichkeit zu.

Im Gebüsch versteckt, genoß er nun eines Anblickes, der ihn mit so großer Verwunderung erfüllte, daß er das Entdeckte für einen holden Spuk zu halten geneigt war.

Mitten in der Krone einer mächtigen Buche sah er ein Mädchen, das sich, wie er aus den gegenseitigen Zurufen von oben und unten schließen mußte, vergeblich bemühte, von dem Baume wieder herunter zu kommen. Zu seinem Ergötzen bemerkte er, wie die kräftige junge Schöne, die in ziemlicher Höhe auf einem starken Zweige bald stand, bald kniete, öfter den einen Fuß nach dem zunächst tieferen Zweige ausstreckte, um eine Stütze daran zu finden, ohne daß ihr dies gelingen wollte.

Ernst hatte in seiner Kindheit viel von Feen erzählen hören. Allein Feen waren doch zauberkundige Wesen, die schweben, fliegen und mit mancherlei Gespannen durch die Lüfte fahren konnten; einer Fee konnte es niemals begegnen, daß sie sich wie ein Junge, der Vogelnester ausnehmen will, in einem Baume verstieg und nun in größter Verlegenheit um das Herunterkommen war. Und der Feenglauben hatte bei Junker Ernst schon längst keinen Grund und Boden mehr; darum zweifelte er auch nicht daran, daß er hier rein menschliche Fräulein vor sich hatte, die zu ihrem Vergnügen in den Bäumen herumkletterten. Zudem kam ihm die Stimme in der Buchenkrone und eine von den beiden unten auf ebener Erde sehr bekannt vor. Er schlich sich in gebückter Stellung noch näher heran, und die drei jungen Baumnymphen waren von der heiterernsten Lage, in der sie sich befanden, so vollkommen in Anspruch genommen, daß sie nichts anderes um sich her sahen und hörten. Da erkannte der Junker in der einen unten am Boden Fräulein Hiltrud von Erbach und in der oben zwischen den Buchenzweigen Fräulein Sidonie von Hirschhorn. »Nun dann wird ja wohl die dritte niemand anders sein als Fräulein Richilde von der Minneburg,« sagte er sich; »o welch ein köstliches Abenteuer!« Er mußte an sich halten, um nicht laut zu lachen und vor Freude hell aufzujauchzen. Aber sofort sah er auch ein, daß er hier etwas Besseres zu tun hatte, als zu lachen: er mußte zu Sidonie hinaufklettern und sie herunterholen.

Auch mit ihr und Hiltrud war er von Kindheit an befreundet, mit Sidonie sogar verwandt und traf mit beiden auf den väterlichen Burgen öfter zusammen. Die erstere war drei, die andere vier Jahr älter als Richilde, die ihm so prächtig aufgeblüht erschien, daß er sie kaum wieder erkannte.

Er trat aus dem Gebüsch heraus und schritt auf die Buche zu, die inmitten einer kleinen Lichtung stand. Als die beiden Mädchen hier ihn erblickten, stießen sie einen Schrei aus und machten eine Bewegung, als wollten sie davonlaufen. Aber Hiltrud hemmte den Schritt und rief: »Ernst! Ernst Landschad! – mein Gott, wie hast du mich erschreckt!«

Ernst grüßte höflich und sprach: »Verzeiht! ich hörte Stimmen im Walde und ging dem Klange nach und – was ist denn das?« unterbrach er sich jäh und zeigte auf etwas am Boden Liegendes, die beiden Mädchen eines nach dem andern mit fragenden, vorwurfsvollen Blicken ansehend.

Da auf dem Boden lag ein toter Reiher und daneben eine Armbrust.

»Ich habe ihn geschossen,« sagte Richilde selbstbewußt.