»Jetzt, in der Brutzeit?« frug Ernst.
Die beiden Mädchen schwiegen. Als er aber Richilden ins Gesicht schaute, die in holder Verwirrung über den nicht verstandenen Sinn der Frage errötete, da fühlte er sich von ihrer jungfräulichen Anmut und Schönheit im tiefsten Herzen ergriffen, und in diesem Augenblick war es ihm nicht möglich, ihr eine Strafpredigt über den zur Unzeit erlegten Reiher zu halten.
In der Buchenkrone war es mäuschenstill, und als Ernst emporblickte, sah er, wie Sidonie auf ihrem Zweige sich an den Stamm schmiegte und im Laube zu verbergen suchte. Er lächelte und sagte: »Und was macht Sidonie da oben auf dem Baume?«
»Der geschossene Reiher blieb beim Fallen in den Zweigen der Buche hängen,« erwiderte Hiltrud, »und da ist Sidonie hinaufgestiegen, um ihn herunter zu holen. Sie hat uns den Vogel herabgeworfen, aber nun –« Sie stockte, als fehlten ihr die rechten Worte.
»Nun gefällt es ihr da oben in dem grünen Laubversteck so gut, daß sie gar nicht wieder herunter will,« half ihr Ernst lachend ein. Die beiden Mädchen blickten sich ängstlich an, er aber rief zum Wipfel hinauf: »Komm nur herunter, Sidonie! ich habe dich schon gesehen.«
Oben blieb alles still, aber es war, als wenn ein Seufzer wie ein leiser Lufthauch durch die Blätter ging. Ernst betrachtete sich die Buche genauer und sann darüber nach, auf welche Weise Sidonie wohl da oben hinauf gekommen sein mochte. Für einen Knaben wäre es ein Leichtes, von einem Mädchen aber bezeugte das Kunststück nicht nur kecken Wagemut, sondern auch Kraft und Geschicklichkeit. Die Zweige des gewaltigen Baumes fingen schon tief unten am Stamme an; trotzdem mußten die beiden Freundinnen Sidonien erst emporgehoben haben, damit es ihr möglich wurde, den untersten Zweig zu erfassen und sich auf ihn zu schwingen. Von dort höher hinauf zu klimmen, war verhältnismäßig leicht, denn die Zweige waren so zahlreich und wuchsen so dicht übereinander, daß man fast wie auf Leitersprossen weiter kommen konnte. Nur dort, wo Sidonie sich jetzt befand, gab es weitere Abstände, die wohl zu überwinden waren, wenn man sie vor sich hatte, die aber für den Rückweg Schwierigkeiten boten. So saß denn die kühne Baumsteigerin dort oben gefangen, wenn ihr von unten nicht Hilfe und Rettung kam.
»Ja, sitzen lassen können wir sie doch da oben nicht,« sagte Ernst. »Da wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als daß ich hinauf steige und ihr herab helfe. Sidonie!« rief er hinauf, »soll ich kommen und dich herunter holen?«
»Was frägst du denn noch? Könntest schon längst oben sein!« klang es ungeduldig aus den Zweigen herab.
»Ei, ei, du fürwitzig Vöglein! singst ja ein trutzig Lied da oben im Grünen,« gab er lachend zur Antwort. »Nun müßt ihr mich aber auf euren Armen bis zu dem untersten Zweige hier emporheben, wie ihr es jedenfalls auch mit Sidonie gemacht habt,« wandte er sich zutraulich an die beiden Mädchen neben ihm.