»Na, mach' nur nicht so ein jämmerliche Armsündergesicht, als hättest du Wunder was verbrochen!« beruhigte ihn der Graf in seiner heiter biderben Weise, »nun du wieder hier bist, soll dir alles verziehen sein. Wir haben dich, wie ich dir schrieb, hier schwer vermißt, auch meine Frau; ich hab's ihr angemerkt, wie sie sich um dich härmte, wäre fast eifersüchtig auf dich geworden,« fügte er launig hinzu. »Sie ist in den Wald gegangen, konnte ja Tag und Stunde deiner Ankunft so wenig wissen wie ich. Gesteh mal aufrichtig: wärest du auch ohne den Wildmeister und meinen Brief gekommen?« Eike zuckte die Achseln; ihm war schwül zumute. »Vielleicht nicht so schnell,« erwiderte er ausweichend. »Aber Eure dringende Aufforderung zur Rückkehr war mir eine große Freude, und ich danke Euch von Herzen dafür, Graf Hoyer!«
»Also ein kluger Gedanke von mir,« belobte sich der Graf. »Hat dir Scharruhn denn nun seine Wünsche in bezug auf den Wildbann vorgetragen, von denen er an dem Abend in der Dirnitz sprach?«
»Jawohl, es betraf einige Fragen des Jagdrechts,« versetzte Eike. »Er verlangte für die Bannforsten des Harzes größeren Schutz gegen jeden, der sie betritt. Die Armbrust müßte abgespannt, der Köcher geschlossen, die Bracken angekoppelt und allen Tieren dort Friede gewirkt sein außer Bären, Wölfen und Füchsen. Ferner forderte er höhere Bußen für getötete singende und krimmende Vögel, womit er die Beizfalken meinte. Die Weiber dürften nur soviel Reisig auflesen wie die Krähe vom Baume tritt, und wenn einem Bauer etwas an seinem Wagen zerbricht, dürfte er sich soviel Holz aus dem Walde hauen wie zur Ausbesserung des Schadens nötig ist, mehr nicht. In alledem konnte ich ihm beipflichten und werde das in den Artikeln des Jagd- und Forstrechts berücksichtigen. Dagegen verweigerte ich ihm die Aufhebung des Verbotes, die Saaten auf dem Felde durch Jagen und Hetzen niederzutreten, sobald das Korn schon Knoten und Gelenke an den Halmen angesetzt hat. Sich empfindlichen Jagd- und Wildschaden gefallen zu lassen ist den Bauern nicht zuzumuten. Aber da predigte ich tauben Weidmannsohren. Er vergalt mir meine vergebliche Belehrung mit der Erzählung einiger köstlichen Jagdgeschichten, die meine Gläubigkeit mehrmals auf eine harte Probe stellten. Ich hinwiederum mußte ihm bei Sankt Huberten mein Wort darauf geben, jetzt mit ihm oder ohne ihn zuweilen auf die Pirsch zu gehen. Das will ich auch tun, habe eure frische, kräftige Harzluft blutnötig nach dem langen Stubensitzen.«
»Man sieht dir's an, also Weidmanns Heil!« sprach der Graf und erhob sich. »Jetzt wirst du deine Schriften auspacken und ordnen wollen, und dabei will ich dich nicht stören.«
»Ich möchte lieber den Spuren der Frau Gräfin folgen,« erwiderte Eike. »Vielleicht begegne ich ihr im Forste.«
»Tu das, Eike!« sagte der Graf. »Wird die eine Freude haben, wenn du unverhofft und plötzlich wie ein Waldschrat vor ihr auftauchst! Das möcht' ich mit ansehen, aber ich kann nicht mit. Auf Wiedersehen bei Tisch!« Damit ließ er den Freund allein. –
Nun war Eike doch wieder da, wohin niemals zurückzukehren er sich fest vorgenommen hatte, und es war ihm lieb, daß er wieder hier war. Auch ihm hatte in seiner stillen Behausung zu Reppechowe vieles von dem gefehlt, was ihm auf dem Falkenstein zur freundlichen Gepflogenheit geworden war. Besonders trug er an der Trennung von Gerlinde, je länger sie währte, je schwerer, und er hatte sich nach der angebeteten Frau gesehnt. Jetzt, vor dem Wiederbeisammensein mit ihr konnte er sich des ernsten Bedenkens nicht entschlagen, ob sie die dazu nötige Selbstbeherrschung ihm gegenüber betätigen würde. Die nächste Stunde mußte ihn darüber aufklären.
Er hatte in Reppechowe fleißig an seinem Buche geschaffen und brachte ein zwei Finger dickes Heft von dort geleisteter Arbeit mit, aber nichts von neuen Aufzeichnungen, sondern nur die alten, von hier entführten und sein ganzes, bis zum jetzigen Stande der Entwickelung gediehenes Manuskript nebst Wilfreds Abschriften.
Mit dem Auspacken und Ordnen seiner Papiere hatte es keine Eile; jetzt lag ihm wichtigeres am Herzen, das Wiedersehen mit Gerlinde.
Aber wo sie finden im weiten Walde? Er mußte es aufs Geratewohl versuchen und schritt ohne Säumen fürbaß.