»Wirklich und leibhaftig, Gerlinde!« lächelte er. »Ich bin zurückgekehrt, um mein Buch hier zu vollenden. Ist Euch das recht?«
»Ach! – was fragt Ihr? seid mir willkommen viel tausendmal!« klang es ihm jubelnd entgegen.
Da küßte er noch einmal ihre Hände und sprach: »Ich danke Euch, Gerlinde! Kommt schnell zur Burg; der Graf erwartet uns, denn ich habe ihm gesagt, daß ich Euch im Walde suchen wollte.«
Er hob das Bündel vom Boden auf, um es ihr zu tragen. Dabei löste sich der zu leicht geschlungene Knoten, und die Tollkirschen fielen heraus.
Sofort erkannte Eike das todbringende Gift; ein fürchterlicher Verdacht packte ihn und wurde ihm zur Gewißheit, als er Gerlindes angststarrende Augen und ihre zuckenden Lippen sah.
Nun weiß er alles! war nach fassungsloser Verwirrung ihr erster greifbarer Gedanke, und eine Blutwelle schoß ihr bis zur Stirn hinauf.
Mit geschwinder Geistesgegenwart bezwang Eike seine gewaltige Erschütterung, und mit gemacht gleichmütigem Tone sprach er: »Ich möchte Euch warnen, Gerlinde, diese Pflanzen wie einen Blumenstrauß in Euer Zimmer zu stellen. Sie nehmen sich zwar äußerlich recht hübsch aus, verbreiten aber eine Ausdünstung um sich her, die heftiges Kopfweh erzeugt. Ihr erlaubt wohl, daß ich das Euch sicher nicht bekannte Unkraut beseitige.« Ohne eine Antwort abzuwarten, schleuderte er die Tollkirschen mit dem Fuß ins Gebüsch und warf das Tuch hinterdrein.
Gerlinde sagte kein Wort, und eine Zeitlang gingen sie stumm nebeneinander dahin, denn keiner mochte dem andern offenbaren, was seine ganze Seele erfüllte. Eike hatte soeben mit Entsetzen erfahren, zu welchem verzweifelten Schritt Gerlinde in ihrem Liebesleid fähig war. Den Tod hatte sie sich seinetwegen geben wollen. Morgen wäre er zu spät gekommen und hätte sie nicht mehr lebend angetroffen. Sie hatte sich also die Ruhe völliger Entsagung noch nicht erkämpft. Würde ihr das bei seiner Anwesenheit und unter seinem Einfluß vielleicht besser gelingen? Er hoffte es und beschloß, ihr mit kühler Besonnenheit dabei behilflich zu sein. Denn er sah ein, daß er es, ohne ihr Leben aufs Spiel zu setzen, nicht wagen durfte, wieder von ihr zu scheiden, ehe nicht die Vollendung seines Werkes die wohlbegründete Veranlassung dazu gab.
Um das beklemmende Schweigen nicht noch länger andauern zu lassen, fing er an: »Ich bin im Burghof vom Grafen und von allen seinen Leuten sehr herzlich empfangen worden.«