Nun saß sie, dachte nur an Eike von Repgow und sah ihn im Geiste, wie er vor ihr gestanden hatte, wägend und mit sich kämpfend, was er tun sollte. Um sich seine männliche Erscheinung noch deutlicher und herrlicher vorzustellen, öffnete sie eine eichengeschnitzte Truhe, nahm das nun fertige Kursît heraus und betrachtete es sinnend. Es mußte ihn prächtig kleiden, aber die Ritter pflegten es über Brünne und Halsberge zu tragen. Würde sie Eike jemals geharnischt im Sattel sehen, wo doch, wie der Abt gemeint hatte und sie selber glaubte, weit eher sein Platz war als am pergamentbeladenen Schreibtisch? Träumerisch vergegenwärtigte sie sich sein Bild im Schmucke dieses blauseidenen Wappenrockes, den sie ihm schenken wollte, wenn er auf immerdar von dannen ritt. »Auf immerdar!« sprach sie traurig, den Wappenrock wieder verschließend. »Möchtest du noch lange hier ruhen, Werk meiner Hände!«


Vierundzwanzigstes Kapitel.

Auf Burg Falkenstein bewegte sich alles wieder in den gewohnten Geleisen von Ruhe und Behaglichkeit, und der Besuch des Abtes hatte keinerlei Nachwirkungen.

Graf Hoyer wurde ganz irr an dem vorwitzigen Prälaten, gegen dessen Anschläge er bereits Vorsichtsmaßregeln angeordnet hatte und der nun doch nichts Feindliches wider ihn oder Eike zu planen schien. Sollte er dem ehrenwerten Gottesmann mit seinem Verdacht Unrecht getan haben? Das wollte ihm nicht einleuchten, und in völlige Sicherheit ließ er sich durch dessen vorläufige Untätigkeit noch nicht einwiegen, weil er dem Frieden nicht traute.

Die Gräfin aber war glücklich, daß nichts von dem geschah, womit ihr der Graf nach ihrem Gespräch mit dem geistlichen Herrn bange gemacht hatte, und glaubte an keine Gefahr mehr für Eike, zumal ihr dieser alle Besorgnis so überzeugend ausgeredet hatte.

Der Meistbeteiligte, Eike, sah in dem Zwischenfall nur eines der Hindernisse, die jeder nach einem hohen Ziel Strebende auf seinem Wege zu überwinden hatte, und dachte nicht weiter daran.

Dagegen befand sich Wilfred in einer täglich wachsenden Aufregung und konnte nicht begreifen, warum der Hochwürdige von den ihm eingehändigten Auszügen noch immer keinen Gebrauch machte. Ihn stachelte ungeduldige Rachsucht, die ja der Beweggrund zu seinem schnöden Verrat gewesen war und deren für Eike verderbliche Folgen er schadenfroh mit ansehen wollte.