Mit geteilten Gefühlen blickte Gerlinde ihm nach.
Ihr war ein Stein von der Seele, daß Eike ihr den begangenen Fehler verziehen hatte und sie nun wieder frank und frei mit ihm verkehren konnte. Aber – »ein Handkuß und mehr nicht!« seufzte sie.
Als er von ihrem großen Einfluß auf ihn und von seiner unwandelbaren Liebe zu ihr sprach, hatte sie erwartet, daß er ihr diese Liebe noch in anderer Weise als bloß mit Worten bezeugen würde.
Wie konnte sie das nur erwarten! Hatte sie denn vergessen, was sie sich nach seiner Rückkehr von Reppechowe gelobt hatte den festen Vorsatz, nichts mehr von ihm verlangen zu wollen? Brach doch wieder die Sehnsucht nach seinen umfangenden Armen in ihr durch? Nicht um diese Sehnsucht zu stillen, hatte sie ihn zu sich berufen, sondern nur zu einer offenen Aussprache und aufrichtigen Versöhnung, die ja auch schnell zustande gekommen war und deren es gar nicht bedurfte, weil er der Reumütigen nicht im mindesten zürnte. Dabei war es ihnen beiden heiß ums Herz geworden, und Eike, um – wie sie deutlich erkannte – die Versuchung seiner eigenen Erregtheit zu fliehen, war just so eilig ihr entronnen wie sie damals ihm beim Schachspiel auf dem Altan.
Sie aber drängte es, dem schmerzlichen Vermissen dessen, was sie einen Augenblick erhofft hatte, in Tönen Ausdruck zu geben, nahm die Harfe zur Hand und sang:
Ich muß dich, Liebe, fragen:
Schaffst du mehr Lust, mehr Leid?
Sind Geben und Versagen
Dir wie ein wechselnd Kleid?
Bald läßt du Rosen mich brechen
Und bald von Dornen mich stechen.
Ich weiß, mit welchen Mächten
Die Herzen du gewinnst,
An Tagen und in Nächten
Sie zauberstark umspinnst.
Du lockst mit seligen Freuden,
Hast Schätze zu vergeuden.
Doch fährt auf hohen Wogen
Das Glück gradwegs daher,
Weicht mir aus im Bogen
Und grüßt mich nimmermehr.
Stets muß ich schweigend mich fügen,
Hoffnungen schmeicheln und trügen.
Glaubt' ich's zu guter Stunde
Schon fest an mich geknüpft,
Ist's meinem durst'gen Munde
Flugs wiederum entschlüpft.
Es ist ein Nahen und Schwinden,
Ein Suchen und doch kein Finden.