Dann ritten die Herren den Berg wieder hinab, und auch bei seiner Verabschiedung von Gerlinde blieb Eike so stumm wie bei seiner Ankunft. –

Die junge Witwe schloß sich von allem Verkehr mit der Außenwelt unnahbar ab und lebte in völliger Einsamkeit. Nur ihre Freundin Gräfin Irma von Mansfeld machte ihr einen Beileidsbesuch. Als sie aber eine Andeutung in die Zukunft mit bezug auf Eike wagte, wehrte Gerlinde mit einer Handbewegung jede Aussprache darüber ab.

Niemand konnte ihr ins Herz sehen, ob sich dort Wünsche und Hoffnungen regten, aber verschwiegene, sehnende Grüße flogen durch die Lüfte zwischen ihr und Eike hinüber und herüber. –

Eike nahm aus einem Kloster unweit seiner Heimat ein paar Mönche zu sich nach Reppechowe und ließ durch ihre Hände seine Arbeit vervielfältigen, die er nun an die Harzgrafen und andere ihm befreundete Herren schickte. Von allen erhielt er Dankschreiben voll lobender Anerkennung und geriet dadurch in einen Briefwechsel, der ihm zu großer Genugtuung gereichte und seine Tage ausfüllte.

Als die wärmere Jahreszeit herankam, fing er an zu bauen und sein festes Herrenhaus behaglich einzurichten, als hätte er über kurz oder lang vornehme und verwöhnte Gäste zu beherbergen, und auch diese Beschäftigung machte ihm Freude, besonders im Hinblick auf den Zweck der wohnlichen Veränderungen.

So verging ein Monat nach dem andern. Immer mehr Abschriften des Sachsenspiegel wanderten ins Land zu Fürstenhöfen, Rittersitzen, Schöffenstühlen und Ratskollegien, und bald klang der Name des Verfassers bewundert von Gau zu Gau. – –

Fast anderthalb Jahre waren seit der Vollendung des Werkes verstrichen. Es war wieder Mai, und Eike saß wieder unter den blühenden Apfelbäumen im Garten des Gasthauses am Scheidewege, hatte wieder zwei Becher vor sich auf dem Tische und unsichtbar sich gegenüber seinen unvergeßlichen Freund Hinrik Warendorp, mit dem er stumme Gedankenzwiesprach hielt.

Was sagst du nun, Hinrik? begann er lautlos ohne die Lippen zu bewegen. Jetzt bin ich auf der Brautfahrt und hole mir die in mein Haus, der mein ganzes Herz zu eigen ist. O könntest du mitkommen, Hinrik, und Gerlindes Brautführer sein! Ach, und könntest du mein Buch lesen, Hinrik, über dessen Entstehen und Werden wir so manchesmal beraten und gebrütet haben, in Bologna schon und hier unter diesem blütenstrotzenden Apfelbaum! Erinnerst du dich? Hinrik, Hinrik, du hast mir oft gefehlt im letzten Lustrum, aber niemals so wie jetzt auf dem Ritt zum Falkenstein, hoch über dem waldesgrünen Selketal.

So dachte Eike, nahm die zwei Becher in seine Hände, stieß mit dem einen an den andern und trank aus beiden zu des lieben, toten Freundes ehrendem Gedächtnis. – –