In der Schloßkapelle wurde das Paar vom Hagenröder Prior getraut. Graf Otto, der jetzige Gebieter der Grafschaft, war Gerlindes Brautführer, und bei dem prunkvollen Hochzeitsmahl waren die Mansfelder Herrschaften und die Grafen Heinrich von Hohnstein und Johann von Blankenburg geladene und freudig teilnehmende Gäste.
Dann entführte Eike seine in Schönheit blühende, von Glück strahlende junge Frau nach seiner Heimat an der Elbe, machte aber auf dem Wege dahin Rast mit ihr im Gasthaus am Scheideweg und erzählte ihr an seinem Lieblingsplatz im Baumgarten von seinem Freunde Hinrik Warendorp.
Zu Reppechowe, in der fruchtbaren, doch jedes landschaftlichen Reizes ermangelnden Ebene, fand sich Gerlinde schnell in ihre neue Häuslichkeit hinein und genoß an der Seite des geliebten Gatten eine Herzensseligkeit, der sie oft mit Gesang und Harfenspiel schwärmerischen Ausdruck gab.
In Eikes Arbeitszimmer entdeckte sie ein Andenken, dessen Aufbewahrung sie innig freute. Seinem Schreibtisch gerade gegenüber, so daß, wenn er den Kopf hob, sein Blick darauf fallen mußte, hing an der Wand über dem Schrein, der seine gesammelten Urkunden und Papiere barg, der nun welke Efeukranz, den sie ihm zum Abschiedsmahl auf dem Falkenstein gewunden hatte.
Der Sachsenspiegel hatte einen ganz unvergleichlichen Erfolg und wurde in mehr als zweihundert schönen Pergamentabschriften, zum Teil mit farbenprächtigen, goldgehöhten Initialen, Majuskeln und Randverzierungen verbreitet, Handschriften, die zu den kostbarsten Schätzen staatlicher und städtischer Büchereien gehören. Obwohl nach Eikes Tode von Papst Gregor XI. als ketzerisch verdammt, wurde er doch sehr bald das allgemein und am höchsten geltende Recht im Sachsenlande zwischen Elbe und Weser, dann bis an den Rhein, an Nord- und Ostsee, in den baltischen Provinzen, im slavischen Osten und in den Niederlanden. In manchen Gegenden Deutschlands ist er mit einzelnen seiner Sätze und Bestimmungen noch immer lebendig, und die Rechtsgelehrten finden selbst in vielen neueren Gesetzen seine unverkennbaren Spuren. Auch wurde er die einflußreiche Quelle und das Vorbild für das süddeutsche Gesetzbuch, den noch zu Eikes Lebzeiten entstandenen Schwabenspiegel.
Unbestritten ist der Sachsenspiegel das bedeutendste gesetzgeberische Werk zwischen den Kapitularien Karls des Großen und unserm heutigen Bürgerlichen Gesetzbuch.
Seine Bedeutung reicht aber über das Juristische des Inhalts noch hinaus. Er bewirkte überall, wo er Fuß faßte, einen geistigen, sittlichen und wirtschaftlichen Aufschwung des nationalen Lebens und brachte dem Volke das Bewußtsein nahe, einem durch ihn geschaffenen Ganzen anzugehören, das, ob auch in verschiedene Stämme geteilt, fortan unter einem einheitlichen Recht und Gesetz stand. –
Das Geschlecht derer von Repgow blühte nach seinem gelehrten Ahnherrn noch fast sechs Jahrhunderte. Der letzte seines Stammes, Johann von Repgow, war Oberstleutnant in einem preußischen Füsilierbataillon und starb 1812 ohne männliche Nachkommen.
Um Eikes Stirn aber flocht an Stelle des Efeukranzes, den ihm die Liebe wand, die dankbare Nachwelt den Lorbeer unvergänglichen Ruhmes.