Auch heute war es für Wilfred Zeit zum Aufbruch, denn er hatte versprochen, zum Abendtisch in der Dirnitz zurück zu sein. »Ich muß fort, mein Schlitzohr,« sagte er, »gib mir's Pfötchen und gehab' dich wohl bis auf baldig Wiedersehen.« Dann setzte er den Fuchs sanft und zärtlich wie eine Mutter ihr Kind nieder, stand von seinem Wurzelthron auf und schied von dem Busenfreunde.
Stunden wie diese waren Wilfreds glücklichste. Auf der Burg hatte er keinen, der ihm so traute und dem er so trauen konnte wie diesem freien Sohn der Wildnis. Der schalt ihn nicht, demütigte und kränkte ihn nicht, sah ihn nicht scheel und mißgünstig oder über die Achsel an wie seine menschlichen Lebensgefährten, denen er nichts galt, die seine Fähigkeiten und sein Wissen nicht schätzten und das Gute, das neben manchem Verwahrlosten doch auch in ihm steckte, nicht anerkennen wollten. Kein Wunder, daß er sich vor ihnen verschloß, ihnen ihre Nichtachtung in gleicher Münze herausgab und sich für das, was er von ihnen zu leiden hatte, mit kleinen Bosheiten und hinterrücks gespielten Possen rächte. Dadurch kam in das Wesen des zu Leichtsinn und Übermut Veranlagten ein mißfälliger Zug. Hier aber bei seinem Fuchse war er ein Naturkind wie dieser, da fand er Zuflucht und Erholung wie anderswo nimmer.
In viel froherer Stimmung als vorher wanderte er jetzt in der Stille des Waldes dahin, durch dessen Gezweig schräge Sonnenstrahlen blitzten und um silbergraue Buchenstämme schlüpften. Das muffige Betragen der Müllerstochter schlug er sich aus dem Sinn und nahm sich vor, heut abend zu Melissa, der immer heiteren und einzigen ihm zugetanen, recht freundlich zu sein. Sie konnte nicht daran zweifeln, daß er zu Luitgard gegangen war, und damit hatte er ihr Kummer bereitet, für den er sie entschädigen wollte.
Als er dem Falkenstein schon so nahe war, daß man sein Blasen dort wohl hören könnte, setzte er die Waldflöte an die Lippen und schickte der Getreuen einen schmetternden Gruß nach dem andern als seine Rückkehr ankündende Boten voraus. Aber nicht lange währte es, da sah er Melissa unter den Bäumen daherkommen. Sie war ihm, ihn um diese Zeit erwartend, auf dem Wege zu Tal ein Stückchen entgegengegangen, hatte aber dann, sein Blasen vernehmend, flugs die Richtung eingeschlagen, aus der die Klänge lockten, nun genau wissend, von wannen er kam. Sobald sie seiner ansichtig wurde, lief und sprang sie über Stock und Stein auf ihn zu, und er fing sie in seinen Armen auf. »Du warst bei deinem Füchslein,« jubelte sie, denn ihr allein war diese heimliche Waldfreundschaft bekannt, »ich dachte, du wärest …«
Sie konnte nicht ausreden, Wilfreds Kuß verschloß ihr den Mund.
Neuntes Kapitel.
Der Sonnwendtag war äußerlich von anderen Tagen durch nichts unterschieden vorübergegangen, und nur die Kundigen wußten, daß in der Nacht auf schwer zugänglichen Bergkuppen und kleinen, versteckten Waldblößen die Feuer unter fast tausendjährigen Eichen gebrannt hatten und von den verschwiegenen Bekennern des Wodanglaubens mit uralten Bräuchen und Beschwörungen umwandelt und umtanzt worden waren. Auch ein paar der ältesten Burgmannen des Falkensteins hatten an der Feier teilgenommen, und Goswig hatte ihnen die Brücke nieder und das Pförtchen im Tor offen gelassen, damit sie im Morgengrauen unbemerkt einschlüpfen konnten. Das war von jeher so gehalten worden und dem Grafen keineswegs unbekannt. Seine Vorfahren hatten es einer dem andern überliefert und dem Nachfolger geraten, darüber ein Auge zuzudrücken, wenn die schlechten Christen sonst gute Menschen und zuverlässige Vasallen wären. Nur die Gräfin durfte nichts davon erfahren, denn nimmermehr hätte sie Heidenleute im Gesinde geduldet.