Es war nicht das erste Mal, daß die beiden allein miteinander speisten, aber heute geschah es unter veränderten Umständen. Eike war im Besitz eines Geheimnisses seiner Tischgenossin, wußte, daß sie von einer ungestillten Sehnsucht erfüllt war, und konnte der Versuchung nicht widerstehen, zu ermitteln, wer und wes Art derjenige war, dem diese Sehnsucht galt.
Unauffällig lenkte er das Gespräch auf geselligen Verkehr im allgemeinen und fragte dann so nebenbei, mit welchen schildbürtigen Herren und Damen sie und ihr Gemahl hier Umgang pflegten, Gerlinde erteilte ihm mit vollkommenem Gleichmut Auskunft, nannte einige gräfliche Häuser und andere in der Umgegend ansässige Adelsgeschlechter und schilderte ihm auch einzelne Angehörige dieser Familien ohne sich für einen im geringsten zu erwärmen. Eike fand also mit diesem ausgestreckten Fühler keinen Stützpunkt, von wo aus er dem von Gerlinde Begünstigten hätte auf die Spur kommen können, und gab es auf, weiter danach zu kundschaften, sich damit vertröstend, daß ihn vielleicht der Zufall einmal auf die richtige Fährte brächte.
Gräfin Gerlinde machte bei Tische die aufmerksame Wirtin, ermunterte Eike in Vertretung ihres Gatten zum Trinken, sprang in der Unterhaltung von einem Gegenstand zum andern, fühlte dem Gaste auf den Zahn, ob er dies und jenes wüßte und wie er über das eine oder das andere dächte, und disputierte mit ihm nach Herzenslust. Plötzlich fing sie an lateinisch zu sprechen. Sie wollte nicht etwa Eike gegenüber damit prahlen, sagte auch nichts, was die ab- und zugehende Melissa nicht hören durfte, sondern tat es lediglich in einem heiteren Sichgehenlassen.
Eike blickte sie höchst verwundert an, worauf sie mit ihrem berückendsten Schelmenlächeln fragte: »Quidnam stuperes tu sophista?«
Er antwortete: »Admiror te dominam doctissimam dulce ridentem dulce loquentem latine.«
»Das ist kein Wunder,« belehrte sie ihn auf lateinisch. »In Franken, Bayern und Schwaben sprechen alle ritterlichen Frauen und Fräulein Latein, wenn auch gewiß nicht ein tadellos ciceronianisches.«
Sie fuhren nun auch fort, Latein zu reden, das ihnen beiden geläufig von den Lippen floß.
Melissa, die natürlich kein Wort verstand, machte ein ganz verschmitztes Gesicht dazu und nahm sich vor, niemand in der Burg etwas davon zu sagen, auch Wilfred nicht, dachte sich aber ihr Teil dabei und gönnte ihrer lieben Herrin das, was sie sich dachte.
Während des Mahles zog Gerlinde eine Blume aus dem Strauße und steckte sie sich an die Brust. »Wißt Ihr, wie sie heißt?« fragte sie, jetzt wieder auf deutsch. »Glockenblume nennt man sie.«