»Ich kenne sie wohl,« erwiderte Eike, »und habe sie gern ihrer schönen, blauen Farbe und ihres zarten, schlanken Wuchses wegen. Ihr Name ist sehr bezeichnend für die Form der Blüten; wenn ein Lufthauch sie bewegt, gleichen sie wirklich schwingenden Glocken, nur daß sie leider stumm sind. Freilich,« fügte er lächelnd hinzu, »man hört manchmal Glockenläuten und weiß nicht, von wannen es tönt.«

Gerlinde erschrak. Sollte das eine Anspielung sein? Hatte er doch ihr Lied erlauscht und möchte nun wissen, woher, welchem Herzenserlebnis entstammend die Klage der Sehnsucht kam und wohin, zu wem sie ging? Aber dem, was er ihr von seinem Horchen an ihrer Tür gesagt hatte, daß es mäuschenstill in ihrem Gemach gewesen wäre, mußte sie doch Glauben schenken, und seine ihr verfänglich klingenden Worte hatten auch wohl gar keine Anspielung sein sollen. Nach kurzem Sinnen sprach sie: »Die Glocken läuten den Lebendigen und den Toten. Die Toten hören sie nicht mehr, und unter den Lebenden dringt ihre Stimme nur den Gläubigen ins Gemüt.«

»Und Euch, Ritter, zähle ich nicht zu den Gläubigen. Nicht wahr, Frau Gräfin? so würde der Schluß Eures Satzes lauten, wenn Ihr ihn aussprechen wolltet,« fiel Eike lachend ein.

Da mußte sie mitlachen und sagte: »Wie gut Ihr doch raten könnt, Herr Ritter von Repgow!«

Mit dem von Eike im rechten Augenblick herangezogenen Scherze über seine ihm von der Gräfin schon öfter vorgeworfene Ungläubigkeit war der kleine Zwischenfall erledigt, worüber er selber froh war, denn er hatte ihn unvorsichtigerweise herbeigeführt. Die ihm achtlos entschlüpfte Äußerung war in der Tat eine, wenn auch ungewollte, Anspielung auf das zufällig vernommene Lied gewesen, die er sofort bereute, als er Gerlindes Erschrecken darüber bemerkte. Diese schien sich indessen beruhigt zu haben ohne zu argwöhnen, daß er ihr mit der Versicherung lautloser Stille in ihrem Gemach nicht die Wahrheit gesagt hatte. Um auch die letzte Spur des peinlichen Gefühls, ihm singend ihr Inneres enthüllt zu haben, in ihr auszulöschen, fing er nun seinerseits an, wieder lateinisch mit ihr zu reden, weil sie dabei schärfer aufpassen mußte und sich nicht von Nebengedanken abziehen lassen durfte.

Sie ging mit Vergnügen darauf ein, zumal sie selten Gelegenheit hatte, sich im Gebrauch der von ihr treulich gepflegten altrömischen Weltsprache zu üben, der man sich hier im Sachsenlande nicht so häufig bediente wie in Gerlindes fränkischer Heimat.

Das hatte sie ihm vorhin schon gesagt, als er sich über ihr Lateinsprechen gewundert hatte, und hier knüpfte er nun an und bat sie, ihm von ihrer Heimat, ihren Eltern und Geschwistern zu erzählen, doch wieder in der Hoffnung, aus ihrer Jugendgeschichte vielleicht etwas zu erfahren, was ihn über ihr Herzeleid einigermaßen aufklären konnte. Es war jedoch nicht eitel Neugier, was ihn dazu bewog, vielmehr innige Teilnahme für die ihm mit jedem Tage rätselhafter werdende Frau, die in seiner Gesellschaft so sorglos und fröhlich war und sich in der Einsamkeit einer, wie es schien, unbezwinglichen Schwermut ergab.

Gerlinde beschrieb ihm die väterliche Burg und deren Lage und berichtete über ihr Jugendleben von Kindheit an bis zu ihrem Verlöbnis mit dem Grafen von Falkenstein in aller Ausführlichkeit, aber ein Ereignis, das möglicherweise auf ihre Zukunft hätte einwirken können, oder die leiseste Hindeutung auf eine frühere, verstohlene Neigung von ihr zu einem anderen kam dabei nicht heraus, und der Schleier, der über ihrem Seelenzustande hing, war nach wie vor für Eike undurchdringlich.

Er hätte ihr so gern über ihre Trübsal hinweggeholfen, ihre Sehnsucht mit ernsten, verständigen Gründen gedämpft und beschwichtigt, aber dann hätte er ihr ja eingestehen müssen, daß und auf welche Weise er davon Kenntnis erhalten hatte, und auf ihr sich ihm freiwillig erschließendes Vertrauen hatte er keinen Anspruch. Hätte sie in seiner Gegenwart einmal ein Zeichen von Niedergeschlagenheit gegeben, sei es mit einem sich ihrer Brust entringenden Seufzer oder mit einem überquellenden, schmerzbewegten Worte, so hätte er sie fragen können: was ist Euch? was bedrückt Euch, Gräfin Gerlinde? Aber nichts dergleichen geschah, sie hatte sich mit straffer Selbstbeherrschung in der Gewalt, und ihm blieb nichts übrig, als sie im stillen weiter zu beobachten und die nächste Gelegenheit, wenn sie sich doch einmal vergaß, wahrzunehmen, um ihrem jungen, verzweifelnden Herzen mit liebevoller Tröstung beizuspringen.