»Gerlinde,« sprach er, »es gibt Dinge im menschlichen Leben, die sich durch Recht und Gesetz nicht regeln lassen. Ein fein empfindendes und tapferes Herz trifft, vor eine schwere Wahl gestellt, auch ohne gesetzlichen Zwang das Richtige.«
Mit dieser kurzen Antwort, die weder ein Urteil noch einen Rat enthielt, mußte sich Gerlinde wohl oder übel begnügen, und sie wanderten eine Weile stumm nebeneinander dahin, wobei es Eike so schien, als ob Gerlinde jetzt noch entschlossener und schneller vorwärts schritte. Als sie aber immer tiefer in die pfadlose Wildnis gerieten, fragte er: »Findet Ihr Euch hier im Walde überall zurecht?«
»Eine Stunde im Umkreise der Burg wohl, darüber hinaus jedoch nicht,« erwiderte sie. »Hier führe ich Euch einen verbotenen Weg.«
»Ich sehe keinen,« versetzte er.
»Ist auch nicht nötig, wenn ich ihn nur weiß zu dem, was ich Euch zeigen will. Also folgt mir oder bleibt mir zur Seite.«
Er fügte sich ihrem Willen, und bald kamen sie zu einer dunkelschattigen, schier grausigen Schlucht, in der ein murmelndes Bächlein zu Tale rann. Diese mußten sie durchschreiten, aber abschüssiges, zerklüftetes Gestein und sperriges Gestrüpp erschwerten den Übergang, und Eike bot seiner unerschrockenen Gefährtin jede mögliche Hilfe. Ihn durchschauerte es wonnig, wie sie sich bei der Kletterei auf seine Schulter stützte, sich an ihn schmiegte, während sie mit der freien Hand das Kleid raffte, so daß er die schmalen Füße sah, wie sie achtsam sicheren Halt für jeden ihrer Tritte suchte.
Auf der anderen Seite der Schlucht mußten sie nun wieder hinauf, aber das wurde ihnen leichter als bergab, und drüben hatten sie nicht viel mehr zu steigen.
Ungetüme Eichen und Buchen reckten ihre Riesenstämme und ihre gewaltigen Äste in die Höhe und Breite, üppig wucherndes Farrenkraut, mannigfaltige Sträucher und Stauden mit Blüten und Früchten, Pilze mit roten und gelben Hüten wuchsen da und eine Menge in allen Farben schillernder Blumen. Vom Himmel war wenig zu sehen, so dicht verzweigte sich das Laub der Baumkronen, durch dessen dunkelgrüne Schatten Vögel schwirrten, auch wohl einmal ein Eichhörnchen sprang oder ein Marder huschte. Unten am Boden raschelte kleineres Getier durch knorriges Wurzelgeflecht und niederes Gekräutig dahin und daher. Es war ringsum eine lebensvolle, kraft- und saftstrotzende, ganz märchenhafte Waldeinsamkeit, deren sinnbestrickendem Bann sich die zwei Menschen wortlos hingaben.
Endlich gelangten sie zu dem von der Gräfin erstrebten Ziel. Es war die aus einem Klippenspalt hervorrieselnde, kristallklare Quelle des Bächleins, das seinen geschlängelten Lauf durch die düstere Schlucht nahm. Sie war beckenartig von einem niedrigen, grünbemoosten, stark zerfallenen Gemäuer eingefaßt, von dem hie und da wie durch gewaltsame Zerstörung verstreute Trümmer umherlagen. Über dem Sprudel, nur ein wenig seitwärts von der Klippe, erhob sich der halbmannshohe Rest eines vierkantig aus einem Stück gehauenen Denksteins, auf dem noch die verwitterten Spuren einer eingemeißelten Runenschrift erkennbar waren.
Mit Staunen betrachtete Eike diesen verborgenen Schauplatz einer fernen Vergangenheit.