»Nun will ich Euch künden, wohin ich Euch geführt habe,« hub Gerlinde schwer atmend an. »Dies hier nennt man den Heidenquell, denn es war einst ein der heidnischen Göttin Holda geweihtes Heiligtum, dessen Besuch und Anbetung die hierher entsandten Männer mit Kreuz und Skapulier unter Androhung furchtbarer Höllenstrafen verboten und verfluchten. Sein Wasser war wundertätig und ist es heute noch, wie Großmutter Suffie in der Talmühle behauptet.«
»Und was für Wunder wirkt es? heilt es Krankheiten und Gebrechen?«
»Es macht Blinde sehend, wenn sie es in der richtigen Weise anwenden. In alten Zeiten mußten sie dazu einen tiefsinnigen Beschwörungsspruch raunen, den mir Suffie aber nicht mitteilen konnte,« sprach Gerlinde, immer unruhiger und erregter werdend.
»Nun, wir beide sind ja, Gott sei Dank, nicht blind, brauchen also das Wasser an uns nicht zu erproben,« lächelte er.
»Doch, Eike von Repgow, laßt es uns erproben!« bat sie inständig.
»Ja, ist es denn so wohlschmeckend oder vielleicht so gesundheitstärkend, daß es sich eines Trunkes verlohnt? Ich trinke alles, was Ihr mir kredenzt; habt Ihr ein Becherlein in der Tasche?«
»Trinken wollen wir nicht; der Zauber vollzieht sich in anderer Art,« erwiderte sie. »Taucht den Finger in die Quelle und benetzt mir die Augen mit dem wundertätigen Naß; ich werde Euch den gleichen Dienst erweisen. Dann werden wir sehend und können beide einer in des anderen Herzen lesen.«
Er erschrak bei diesem seltsamen Begehren, das ihm die Augen auch ohne Benetzung zu einem Einblick in ihr Herz vollends öffnete. »Ihr, eine christgläubige Frau, wollt einem alten Heidenbrauche frönen?« hielt er ihr vor, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen, an dessen Wirkung er zwar nicht glaubte, das ihn aber zwang, zu sagen, was er gern verschwiegen hätte.
Es half ihm nichts. Mit den Worten: »Nicht in dem heidnischen Brauch, in dem Wasser selber steckt die geheimnisvolle Kraft, von Gott hineingelegt,« schritt sie dem Rande des Beckens zu.