Gerlinde ging in ihr Gemach, streckte sich dort auf das Spannbrett, eine nur zum Ausruhen am Tage dienende Polsterbank mit einer Wolfsfelldecke, und versank bald in einen erquicklichen Schlummer.
Fast eine Stunde schlief sie, erwachte frisch und gestärkt davon und überdachte, nun freier und unabhängiger von dem augenblicklichen Eindruck des Geschehens, die Erlebnisse des heutigen Morgens. Die Gefühle, die sich ihrer dabei bemächtigten, verlangten aber nach Worten; schnell richtete sie sich auf, nahm die Harfe von der Wand und hub an zu singen:
Seid mir gegrüßt, Gedanken,
Die ihr im Streite siegt
Und euch wie Efeuranken
Um meine Stirne schmiegt.
Wollt mild und freundlich walten
In meines Herzens Haus,
Gleich holden Traumgestalten
Schwebt leise ein und aus.
Das Zweifeln all und Bangen,
Wie liegt es nun so fern,
Derweil mir aufgegangen
Mein schöner Morgenstern.
Er wird mein Schicksal weben,
Mir weisen Weg und Zelt,
Hell strahlt er in mein Leben,
In meine stille Welt.
Und muß ich auch verschweigen,
Wovon die Brust mir schwillt,
Will mich in Demut neigen,
Das Sehnen ist gestillt.
Im Nachspiel ließ sie sanft ausklingen, was sie während der nur halblaut vorgebrachten Strophen bewegt hatte. Dann saß sie lange in Sinnen verloren, hatte die Harfe aufs Knie gestellt, auf deren Hals die gefalteten Hände und auf die Hände das gedankenschwere Haupt gelegt. Sie hatte nicht alles, was sie in sich trug, ausgesprochen, hatte mit anderen Empfindungen, die ihr Inneres durchkreuzten, noch zurückgehalten. Fragen, die sie gelöst, Zweifel, die sie überwunden wähnte, tauchten noch einmal in ihr auf, und ihre Sehnsucht war von dem Liede nicht in den Schlaf gesungen. Da griff sie wieder in die Saiten und begann aufs neue:
Liebt er mich in Treuen so wie ich ihn
Mit unverlöschlichen Gluten,
Und fühlt auch er durch die Seele ziehn
des Aufruhrs wogende Fluten?
Der Wissende, weiß er denn wohl genau,
Was Sehnsucht zischelt ins Ohr der Frau?
Wie Wanderer sich begegnen im Land,
So haben wir zwei uns gefunden
Und können uns kaum nur drücken die Hand
In kärglichen, flüchtigen Stunden,
Und ich, in des Liebsten Eigen und Lehn,
Möcht' immerfort ihm in die Augen sehn.