Nun wollte sie sich seinem Verlangen völliger Enthaltung aller Liebesbeweise unterordnen, wollte schweigen, wenn er schwieg und sein Benehmen als Richtschnur ihres eigenen betrachten, wozu das nahe bevorstehende Mittagsmahl eine gute Gelegenheit bot. –
Bald saßen sie sich am Tische gegenüber. Während Melissa sie bediente und auch ohne nötige Handreichungen im Saale anwesend blieb, gab es sich von selber, daß sie nur über gleichgültige Dinge plauderten. Doch erwähnte Gerlinde der schlauen Gürtelmagd wegen absichtlich und ausführlich ihrer vergnüglichen Wanderung im unbefangensten Tone, als hätte sich in der unbelauschten Waldeinsamkeit durchaus nichts Besondere zugetragen. Eike, der den Zweck, die neugierige Horcherin zu täuschen, erkannte, ging sofort darauf ein, und erinnerte noch an einzelne Naturschönheiten, die ihm auf ihrem Wege durch Berg und Tal aufgefallen waren. Daß sie am Heidenquell gewesen, verschwiegen sie wohlweislich.
Als Melissa einmal verschwunden war, erkundigte sich Gerlinde bei ihrem Gaste nach dem Stande seiner Arbeit, mit der er ja einen ganzen und einen halben Tag gefeiert hätte, und zwar zumeist ihr zu Gefallen, wofür sie ihm sehr dankbar wäre. Er gab ihr zur Antwort, daß er allerdings die versäumte Zeit, die er aber, weil in ihrer Gesellschaft verbracht, durchaus nicht als eine verlorene bezeichnen könnte, mit angestrengtem Fleiß wieder einholen müsse, und fügte hinzu: »Ich brenne darauf, heute nachmittag da wieder anzufangen, wo ich gestern morgen aufgehört habe, und hoffe auch, schnell wieder in flotten Schwung und gutes Fahrwasser zu kommen, wenn mich auch manche dringlichen Ausführungen noch hartes Kopfzerbrechen kosten werden.«
»O Ihr werdet auch das Schwierigste zwingen, wenn Ihr wollt,« sagte sie aufmunternd. »Ich glaube an die alles besiegende Kraft Eures Geistes wie an das Licht der Sonne.« Dann, als Melissa wieder eingetreten war, fuhr sie auf lateinisch fort: »Tu, dum tua navis in alto est, hoc age.«
Er erwiderte: »Fata regunt homines, certa stant omnia lege, tu credula pia!«
Sie sprachen nun auch weiter Latein, obwohl sie ihr Geheimnis, von dem nur die klugen Waldvöglein wußten, mit keiner Silbe berührten.
Melissa spitzte die Ohren, und als sie wieder hinausgegangen war, spöttelte sie jenseits der Türe: »Jetzt nennen sie sich schon du; das haben sie sicher da unten im versteckten Waldesgrunde zusammengeknotet und denken, ich merke nichts, die blind Verliebten. Meinetwegen könnt ihr deutsch reden, was ihr wollt; ich verrate euch nicht.«
Die beiden im Saale führten ihren Vorsatz, sich zu beherrschen, durch, so schwer es ihnen auch wurde, und über ihre heimliche Liebe fiel weder ein deutsches noch ein lateinisches Wort. Nur von Blick zu Blicke flog es stumm hin und her: ego sum tu et tu es ego.
Es war das letzte Mittagessen, das sie allein miteinander einnahmen, denn heut abend konnten sie den Grafen von seinem Ritt nach Quedlinburg zurück erwarten, und beiden war es recht, daß er wiederkam, denn an seiner Gegenwart hatten sie einen noch festeren Halt und Schutz, sich nicht zu vergessen und zu unerlaubtem Tun hinreißen zu lassen.
Eike begab sich nach Beendigung des Mahles in sein Zimmer und setzte sich sogleich an seine Arbeit, in die er sich nach Möglichkeit vertiefte, um keinen störenden, sinnberückenden Vorstellungen Einkehr bei sich zu gestatten.