Dreizehntes Kapitel.

Nun war alles geklärt, jeder Zweifel gehoben, die Entscheidung gefallen. Eike wußte sich von Gerlinde geliebt mit der ganzen Leidenschaftlichkeit ihres heißen, südlichen Blutes, und das gleiche wußte sie auch von ihm. Beide waren mit dem nämlichen Vorhaben in den Wald gegangen, die Gefühle des anderen zu ergründen ohne die eigenen zu enthüllen, und doch war auch dieses geschehen. Zu Hause nun, in seinem Zimmer, der Werkstatt seines Schaffens, erwachte in Eike der Mann des Rechtes, der Verfasser und Verkünder strenger Gesetze, gegen die er selber nicht einmal in Wünschen und Gedanken freveln durfte, und er war der Gast von Gerlindes nichts ahnendem Gatten. Wie hatte er das nur vergessen können, als er dort in der zauberumsponnenen Wildnis am Heidenquell die in Lust und Leid Erzitternde in seinen Armen hielt! Aber sollte er sie schroff und schnöde zurückstoßen, da er sie doch liebte? Er hatte sie nicht an sich gerissen, hatte sie nicht gelockt und gekirrt, nicht mit zärtlichem Gekose ihre Sinne betört. Mit dem Bewußtsein, die Gebote der Pflicht und Ehre weder mit Wort noch Tat verletzt zu haben, beruhigte er sein Gewissen, und bei dem Entschlusse, auf alle Freuden, die ihm in erreichbarer Nähe winkten, zu verzichten, wollte er bleiben, welche Kämpfe und Versuchungen er auch im Bannkreise der inniggeliebten, verführerisch schönen Frau noch zu bestehen haben mochte; sein Herz sollte schweigen und auch sein Mund. –

Andere Gefühle beseelten Gerlinde, als sie aus dem Walde zurückkam und in ihrem Gemach allein war. Das erste, was sie dort tat, war, daß sie an dem Betpult niederkniete, der heiligen Jungfrau für das namenlose Glück, von Eike geliebt zu werden, dankte und sie anflehte, diese Liebe zu segnen und zu schirmen, in ihrer Unschuld nicht bedenkend, daß seine Liebe zu ihr wie ihre zu ihm eine sträfliche war, an der die Himmelskönigin kein Wohlgefallen haben konnte. Dann betete sie für das zeitliche und ewige Heil des Geliebten, daran die Bitte knüpfend, ihm Kraft zur Vollendung seines Werkes zu verleihen und ihm dabei die Wege zu führen, die den Frommen und Gläubigen, in Sonderheit der hochwürdigen Geistlichkeit genehm wären.

Danach erhob sie sich freudig, nur noch mit der einen Sorge, ob es ihr gelingen würde, ihre Liebe vor den Insassen der Burg und am meisten – hier schrak sie auf – vor ihrem Gemahl zu verbergen. An den hatte sie noch gar nicht gedacht und daß sie an ihm einen Raub beging, wenn sie ihr Herz einem anderen Manne schenkte. Einen Raub? sie entzog ihm ja nichts von dem, was er von ihr fordern konnte. Sie schätzte und ehrte ihn, hatte ihn auch auf ihre Weise lieb, aber glücklich und zufrieden war sie an Hoyers Seite nicht. Trotzdem wollte sie nun doppelt aufmerksam und freundlich gegen ihn sein, um ihn, soviel sie vermochte, für das zu entschädigen, was sie in Hülle und Fülle dem andern weihte.

War denn aber ihre und Eikes Liebe unter der Bedingung schweigender Entsagung ein so ungetrübtes Glück, daß sie es so recht aus dem Vollen schwelgend genießen konnte? Nur tief verhohlen sollte diese Liebe ein kümmerliches Dasein fristen, wie eingekerkert, in Banden geschlagen. Niemals sollte die Darbende dem, was nach Befreiung in ihr rang und lechzte, rückhaltlosen Ausdruck geben, niemals in den Armen dessen, an dem ihre Seele hing, wonnetrunken aufjauchzen, sondern ihre Liebe als schwer lastendes Leid durchs Leben tragen. Würde sie das vermögen? würde nicht über kurz oder lang einmal die Stunde kommen, wo sie es unwiderstehlich reizte, die Fesseln zu sprengen und sich an Eikes Brust zu werfen? Sie konnte nicht dafür bürgen, sich allzeit fest in der Gewalt zu haben.

Wie wohl er darüber dachte, ob er wohl willig und fähig war, auf immer wunschlos zu entsagen? Es schien ihr so; schon auf dem Rückwege hatte er damit angefangen, denn kein liebeatmendes Wort war seinem Munde entflohen.

Als sie nach dem vorsichtigen Überschreiten der Schlucht bequem nebeneinander gehen und dabei mehr auf alle die Vögel und Blumen rings um sie her achten konnten, hatte Eike die Rede auf den berühmten und begeisterten Freund dieser holden Geschöpfe, auf Walter von der Vogelweide gebracht und Gerlinde von seiner Bekanntschaft mit ihm am Hofe des Markgrafen von Meißen erzählt. Dabei hatte er öfter den Dichter selber sprechen lassen von »der kleinen Vöglein Singen« und von den »lichten Blumen, die aus dem grünen Grase lächeln, als erhofften sie auch des Wanderers nickenden Gruß«, und noch manche andere wohlklingende Verse des großen Meisters in die Unterhaltung eingeflochten. Gerlinde, der Walters Lieder keineswegs fremd waren, hatte ihm gern zu gehört und erwartet, daß ihn sein Gedenken des Verherrlichers der hohen Minne, des unvergleichlichen Sängers von »des Herzens Lehendienst«, auf seine Minne zu ihr hinleiten würden. Das war jedoch nicht erfolgt; er hatte jede auf sich bezügliche Anknüpfung an Walters Dichtungen vermieden.