»Aha! Luft schöpfen, na ja! hast's auch nötig, siehst blaß genug aus von dem ewigen Stubenhocken und Gesetzemachen,« schalt der Graf freundschaftlich. »Wann wirst du denn dein Weidmannsheil endlich hier versuchen? Die Jagdhütte da oben ist längst fertig und harrt immer noch ihres ersten nächtlichen Einliegers. Du solltest sie einweihen, dann würde ich sie auf deinen Namen taufen. Eike von Repgow-Hütte, klingt das nicht hübsch?«
»Wenigstens mir sehr schmeichelhaft, Herr Graf,« versetzte Eike. »Aber es wäre eine unverdiente Ehre, denn ich habe keine Zeit zum Pirschen.«
»Keine Zeit! nächstens werde ich dem Herrn Rechtsgelehrten einmal eine Vorlesung über das Gastrecht halten, ich meine, über die Rechte, die dir als Gast hier zustehen, auch auf der Wildbahn, Eike! denn Pflichten hast du auf dem Falkenstein nicht, wie du weißt.«
Unter diesem Gespräch, zu dem das bei weitem meiste der Graf beigetragen hatte, waren sie die Treppe hinaufgekommen und trennten sich oben, der Graf mit den Worten: »Ich will erst meine Frau begrüßen und mir's dann ein wenig bequem machen; bei Tische werde ich euch berichten, was ich in Quedlinburg zu schaffen hatte.«
In seinem Zimmer sagte sich Eike: »Über das Gastrecht will er mich belehren, und ich hätte hier keine Pflichten. Hab' ich nicht schon beides verletzt, als ich Gerlinde in meinen Armen hielt? Ich konnte ihm nichts darauf antworten, und wie wird sie damit fertig werden ihm gegenüber?«
Das Mahl ließ sich indessen ganz behaglich an. Graf Hoyer war in der besten Laune und die Gräfin so heiter und gesprächig, als laste nicht der geringste Druck auf ihr. Da fand auch Eike schnell den rechten Ton in der Unterhaltung, und die drei tafelten wieder so traulich miteinander wie vorher, ehe der Graf ausgeritten war. Die gefürchtete Frage: was habt ihr beiden denn während meiner Abwesenheit hier angefangen? stellte er glücklicherweise nicht, sondern gab ihnen nun über seinen Aufenthalt in Quedlinburg eingehende Auskunft, die er durch eingeschaltete Bemerkungen noch des näheren erläuterte und vervollständigte.
Es handelte sich dort um den alten Streit über die Palmsonntagfeier, den die jetzt regierende Äbtissin Osterlindis von ihren Vorgängerinnen Bertradis und Kunigunde geerbt hatte. Seit einer langen Reihe von Jahren war es Brauch, daß der Bischof von Halberstadt mit dem gesamten Domkapitel und einer erklecklichen Zahl noch anderer Prälaten und Kleriker am Palmsonntag nach Quedlinburg kam und von der Äbtissin in ihrem Schlosse festlich bewirtet wurde. Für die Einwohner der Stadt war das ein sehr anziehendes Schauspiel, und es gab stets einen großen Andrang neugierigen Volkes, das den Einzug der kirchlichen Würdenträger in ihren reichgeschmückten Pontifikalgewändern sehen und womöglich auch dem prunkhaften Gottesdienst in der herrlichen Basilika der ehemaligen Kaiserpfalz beiwohnen wollte.
Diese Bewirtungen hatten jedoch einen immer ausgedehnteren Umfang angenommen. Der Bischof rückte mit einem Gefolge von mehr als hundert Pferden an, und die geistlichen Herren, die nach überstandener Fastenzeit einen sehr regen Appetit auf ein auserlesenes Gastmahl mitbrachten, schmausten und schwelgten in einer Weise, die dem Stifte fast unerschwingliche Kosten verursachte. Das noch ferner geduldig über sich ergehen zu lassen hatten sich schon frühere Äbtissinnen geweigert und sich wegen dieses unablösbaren Servituts, wofür es die Bischöfe erklärten, mit Beschwerden an den Papst gewandt, durch die aber keine Abstellung des Unfugs erreicht wurde. Nun hatte auch Äbtissin Osterlindis den Papst um einen Machtspruch gebeten, und Gregor IX. hatte den Abt von Walkenried zum bevollmächtigten Schiedsrichter ernannt, während der Bischof von Halberstadt, Graf Friedrich von Kirchberg, den Domherrn Konrad von Alvensleben als seinen Vertreter abgeordnet und die Äbtissin den Schirmvogt des Stiftes, Grafen Hoyer von Falkenstein, zu ihrem Beistande angerufen hatte. Diese drei Herren sollten den Hader schlichten.
Nun entspannen sich in Gegenwart der Äbtissin hartnäckige Auseinandersetzungen zwischen dem Domherrn und dem Grafen, bis keiner von beiden noch etwas Neues vorzubringen wußte. Der Abt von Walkenried, ein würdiger und kluger Prälat, der den Frieden liebte und das Ungebührliche der bischöflichen Ansprüche wohl einsehen mochte, hatte die Verfechter der widerstrebenden Meinungen ruhig ausreden lassen und dann den Streit dahin entschieden, daß die Bewirtung des Bischofs nebst Gefolge nicht mehr stattfinden und die Äbtissin als Entschädigung dafür eine nur mäßige jährliche Abgabe an das Domkapitel leisten sollte. Die Domina war über den endgültigen Austrag des Zwistes zu ihren Gunsten hoch erfreut und ihrem Vetter Hoyer für die tapfere und wirksame Geltendmachung ihres Standpunktes sehr dankbar.
Nach dem ausführlichen Berichte des Grafen verharrten Eike und Gerlinde in Schweigen, so daß er fragte: »Nun? was sagt ihr denn dazu?«