Sechzehntes Kapitel.
Der Besuch des Grafen von Mansfeld hatte Eikes Mut zu seinem Werke wesentlich gestärkt und ihn so mancher Sorgen, die ihn in letzter Zeit beschwert hatten, enthoben. Graf Burkhard war der Sproß eines der ältesten deutschen Grafengeschlechter und genoß landein, landaus eines hohen Ansehens, so daß Eike wahrlich allen Grund hatte, sich des rückhaltlos abgesprochenen Beifalls des welterfahrenen Mannes zu freuen und auf seine Befürwortung und Unterstützung der von ihm geschriebenen Gesetze zu hoffen.
Nun hätte er sich mit doppeltem Eifer seiner Arbeit widmen können, hätte ihm nicht eines wie Feuer auf der Seele gebrannt, – das grenzenlose Vertrauen des Grafen Hoyer. Er betrachtete seine Liebe zu Gerlinde als einen Verrat, einen Einbruch in die Unverletzbarkeit des Gastrechtes, und unter diesen Umständen die Gunst und Güte des Grafen immerfort hinzunehmen, von ihm zu hören, daß er ihn gar nicht wieder fortlassen möchte, an einem Tisch mit ihm zu sitzen, ihm in die Augen zu sehen, – das alles wurde ihm von Tag zu Tag peinlicher. Unablässig gemahnte er sich an seinen verantwortungsvollen Beruf als Vertreter des Rechtes, aller Rechte, auch der durch einen Ehebund geheiligten.
Noch war ja nicht das geringste geschehen, was er zu bereuen hätte. Noch nicht! aber war er sicher, daß nicht über kurz oder lang etwas geschehen könnte, wofür es keine Entschuldigung und keine Verzeihung gab? Auf Gerlindes Beschränkung war kein Verlaß. Die mit allen Fasern und Fibern an ihm Hängende verlor immer mehr die Herrschaft ihrer selbst; erst jüngst, in Anwesenheit der Mansfelder, hatte er mit Schrecken wahrgenommen, wie aufgeregt sie gewesen war, wie sehnsüchtig ihr Blick den seinen gesucht hatte. Daher schwebte er in beständiger Furcht, die in ihrer Leidenschaftlichkeit Unberechenbare könnte sich, von ihren Gefühlen hingerissen, einmal völlig vergessen und vor den Augen und Ohren des Grafen oder eines vom Gesinde eine Torheit begehen, die sie und ihn als Frevler an Zucht und Sitte brandmarkte.
Auch Gerlinde war ohne Ruh und Rast und wußte nicht, was tun und was lassen. Du mußt ihn zur Rede stellen und vereint mit ihm einen Entschluß fassen, wie ihr euren Verkehr hier gestalten wollt, so hatte Irmas Rat gelautet. Sollte sie ihm folgen? allen Stolz hintansetzen und nur dem ungestümen Drange ihres Herzens gehorchen? Ach, schon längst trieb es sie, den Weg ihrer Wünsche zu gehen, wenn ihr der Geliebte nur ein weniges entgegenkäme. Gern wollte sie sich von ihm führen lassen, wohin es ihm gefiele, wie sie ihn durch die Wildnis geführt hatte zu jener zauberumwobenen Stätte, wo ihrer beide Liebe aus ihren Herzen hervorgebrochen war. Sie wollte, von seinen Armen umschlungen, aus seinem Munde Worte der Liebe hören, nach denen sie dürstete wie eine Verschmachtende nach einem rettenden Trunk.
Aber ihr fehlte noch immer der Mut zum ersten Schritt, und doch sagte sie sich: du mußt dich entscheiden, zagen und zaudern wäre jämmerliche Schwäche. Da beschloß sie nach kurzem Kampfe, die Wallfahrt nach dem Glücke, dem einzigen Glücke, das sie begehrte, auf eigene Faust anzutreten; der Zufall und die Gelegenheit sollten ihr die Pfade ebnen und die Brücken bauen.
Eine Woche lang mußte sie sich indessen noch gedulden, ehe die Stunde zum Handeln schlug, mußte jeden Mittag und jeden Abend willig oder unwillig mit anhören, wie die beiden Männer über das Gesetzbuch sprachen und stritten. Seit sie ihn auf der Waldwanderung ihrer freudigen Zustimmung zu dem Werke versichert hatte, war Eike auch in ihrer Gegenwart mit seinen Mitteilungen darüber freigebiger, und manchmal griff sie selber mit klugen, oft den Nagel auf den Kopf treffenden Bemerkungen in das Wortgefecht ein. Meist aber gingen die gründlichen Erörterungen über ihren Gesichtskreis hinaus, zumal wenn sich Eike umständlich über das friesische Recht, das der Engern und Westfalen oder über das bayrische und alemannische und gar über das Volksrecht der Angelsachsen ausließ, die er alle unter einen Hut bringen wollte. Das war die Welt, in der er lebte und webte und die von der, in welcher sie mit ihrem Sehnen und Hoffen die Tage kommen und schwinden sah, sternenweit getrennt war. Was kümmerten sie die Volksrechte der Angelsachsen! Auf die Rechte des Herzens, die sie an ihn hatte, schien er sich nicht zu besinnen.
Endlich nahte eine Gelegenheit, die ihr, wenn sie sich in ihren Berechnungen nicht täuschte, ein Alleinsein mit dem schwer Zugänglichen ermöglichen konnte.