Allherbstlich wurde ein Gedenktag in der Geschichte des Falkensteinschen Grafenhauses auf der Burg gefeiert zur Erinnerung an die vor fast zweihundert Jahren erfolgte Belehnung des Ahnherrn mit der Gaugrafschaft. Früher hatte dabei ein üppiges Gastmahl im Schlosse mit den Familien des benachbarten Adels stattgefunden. Das hatte Graf Hoyer längst abgestellt, aber dem Burggesinde sollte der altherkömmliche Brauch und seine Bedeutung erhalten bleiben und deshalb wurde ihm an dem Abend in der Dirnitz ein vergnüglicher Schmaus angerichtet, zu dem auch stets der Talmüller, Meister Beutling mit Frau und Kindern, geladen wurde; Großmutter Suffie konnte ihres hohen Alters wegen den Berg nicht mehr erklimmen.

Heute war dieser Abend, und die gewölbte Halle war zu dem Bankett hell erleuchtet und festlich geschmückt. Gewinde von Tannenreisern und von Eichen- und Buchenlaub schlangen sich kreuzweis hinüber und herüber, und aus den Rüstkammern hatte man Schwerter und Spieße, zerschrotene Helme, zerbeulte Schilde und verblichene Fahnen geholt und an den Wänden in malerischer Anordnung aufgehängt.

Graf Hoyer hielt in friedlichen Zeiten keine starke Besatzung in der Burg, und doch war die Versammlung eine zahlreiche. Der Wild- und Waffenmeister, Reisige, Jäger, Stellmacher und Schmied, Torwart und Türmer, Diener und Knechte, der Kellermeister und der Koch mit den Küchenfrauen, Zofen und Mägde saßen in ihren besten Kleidern an der langen, in der Mitte des Raumes befindlichen Tafel und ließen es sich bei den reichlich aufgetragenen Speisen und Getränken wohl sein, scherzten und neckten sich, lachten und sangen.

Für die später zu erwartende Herrschaft war seitwärts von der großen Tafel ein besonderer Tisch gedeckt, und beim Eintritt des Grafen und der Gräfin mit Eike von Repgow blies der Türmer auf seinem Horn einen fröhlichen Willkomm, wobei sich alle erhoben und stehen blieben, bis jene dort Platz genommen hatten. Dann durfte jedoch, nach dem ausdrücklichen Willen des Grafen, keineswegs eine verschüchterte Stille walten, sondern die Unterhaltung mußte ihren zwanglosen Verlauf weiter nehmen.

Nachdem der Burgherr eine Zeit lang dem lustigen Treiben mit Behagen zugeschaut hatte, ging er zu diesem und jenem seiner Leute und hatte für jeden ein gnädiges Wort. Auch Gräfin Gerlinde besuchte mehrere der an der Tafel sitzenden Frauen zu einer kurzen Begrüßung. Eike, den alle hoch achteten, weil sie wußten, was er mit seiner Feder hier tat, auch für sie tat, um ihnen und ihresgleichen im Lande ein besseres Hof- und Dienstmannenrecht zu schaffen. Eike wandelte, den Becher in der Hand, umher und ehrte die ihm Bekanntesten mit einem freundlichen Zutrunk, so den Wildmeister, die über diese Auszeichnung errötende Melissa, seinen Schreiber Wilfred und sogar den treuen Pfleger seines Rosses, den biedern Sibold.

Der Wildmeister brachte an: »Herr von Repgow, wenn Ihr bei Eurer Arbeit an das Wildbannrecht kommt, hätte ich ein paar bescheidene Wünsche.«

»Und die wären?« fragte Eike.

»Ja, die muß ich Euch allein vortragen, wenn Ihr einmal die Armbrust auf die Schulter nehmt und wir auf die Pirsch gehen. Übrigens nichts für ungut, Herr Ritter! Weidmanns Heil!«