»Schrecklich!« sprach Leontine.

»Wißt ihr noch mehr so grauliche Geschichten?« frug Imagina. »So am helllichten Tage lasse ich sie mir gefallen, aber kurz vor Schlafenszeit halte ich mir die Ohren davor zu, sonst träumt man davon.«

»Du hast Recht,« sagte Herzelande, »wir wollen unsere liebe Leontine nicht mit so schauerlichen Geschichten unterhalten.«

»O ich fürchte mich nicht,« lachte Leontine und sah sich in dem schönen, ganz durchsonnten Zimmer aufmerksam um. Auf ein gemaltes Fenster zeigend fragte sie: »Ist das Euer Wappen?«

»Ja, das ist unser Wappen,« erwiederte Herzelande, »und wenn ich nicht irre, haben es die Rappoltsteiner schon von den Saliern, den Kaisern Heinrich IV. und V., die das Geschlecht mit den drei Burgen, auf denen wir heute noch wohnen, einst belehnten.«

»So? Wie kommt es denn aber, daß sich ganz dasselbe Wappen am Zunfthause der Maler in Straßburg befindet?«

»Es ist nicht ganz dasselbe,« belehrte sie Herzelande, »sondern zeigt die umgekehrten Farben, nicht drei rothe Schildlein in weißem Felde wie dies hier, sondern drei weiße Schildlein in rothem Felde, und es hat damit eine eigene Bewandtniß. Als vor langen Jahren Meister Ulrich von Ensingen den Thurmbau des Straßburger Münsters leitete, arbeiteten unter ihm drei berühmte Künstler, drei Brüder Jungherren von Prag, als Baumeister, Bildhauer und Maler. Ein Vorfahr meines Mannes, ein Herr von Rappoltstein, beleidigte sie, ich weiß nicht mehr womit. Sie beklagten sich beim Kaiser Sigismund, als dieser bald darauf nach Straßburg kam, und der Kaiser gab den Jungherren nicht nur Recht, sondern verlieh ihnen auch zur Sühne das nur in den Farben veränderte Wappen ihres Beleidigers. Und seitdem führen alle Malerzünfte im ganzen deutschen Reiche das Rappoltstein'sche Wappen, aber in den umgekehrten Farben: drei weiße Schildlein in rothem Felde.«

»Das ist ja merkwürdig,« sagte Leontine. »Ihr wißt so Vieles zu erzählen, Gräfin Herzelande! ich könnte Euch Tage lang zuhören.«

»Und ich würde nicht fertig werden damit,« lächelte Herzelande, »ich weiß noch viel, viel mehr, denn unser alter, schöner Wasigen steckt so voll von Sagen und Geschichten wie kein anderer deutscher Gau. Ich könnte Euch von der Fee Haband am Schlüsselstein erzählen, die bei Kerzenlicht die Mähnen der Rosse strählt und Nachts mit einem spukhaften Gefolge weißverschleierter Fräulein weit umherzieht, vom Weingeigerlein von Brunstatt, das zur Zeit der Rebenblüthe einen guten oder schlechten Herbst verkündet, vom böttgernden Küfer im Falkenstein, der dasselbe thut, von dem Gnom im Silberschacht bei Mariakirch, der sich in die Tochter des Steigers verliebte und weil sie ihn nicht erhörte, den Schacht mit allen seinen Schätzen auf ewig verschloß, von den Eisenringen in der Heidenmauer an der Tänchelwand, wo die Schiffe festgebunden wurden, die den großen See, der sich einst dort befand, befuhren, von Schwänen umkreist, und von noch mehr so wunderbaren Dingen. Aber das verspare ich mir auf ein ander Mal, denn ich höre die Herren kommen.«

Die drei Brüder traten herein, und auf ihren sehr ernsten, noch etwas erregten Gesichtern spiegelte sich Verwunderung und einige Verlegenheit, grade zu dieser Stunde Leontinen hier zu begegnen.