Aber eine Demüthigung – so sagte sich Egenolf beim Weiterwandern – eine Demüthigung war und blieb es für den Grafen doch, wenn er schon dem bloßen Drohen seiner Gegner weichen mußte und ohne Schwertstreich zum Aufgeben seiner hochfliegenden Pläne gezwungen wurde. Und ließ er es, uneingeschüchtert, auf eine Kraftprobe mit ihnen ankommen, so stürzte er sich damit in ein höchst gefährliches Wagniß, bei dem er Alles aufs Spiel setzte. Es würde eine langwierige Fehde geben, so ungleich auch die Streitkräfte der beiden gegnerischen Parteien vorläufig noch waren. Außer seinem Freunde Friedrich von Fleckenstein und einigen mit bischöflichen Burgen belehnten Rittern hatte Graf Oswald noch wenig Anhänger im Lande, auf deren Beistand im Kampf er rechnen konnte. Und was wollte das gegen die vereinte Macht der Rappoltstein und Rathsamhausen besagen!
Immer langsamer wurden Egenolfs Schritte auf dem Pfade bergab, und bald ließ er sich auf einem umfänglichen Baumstrunk unweit des Weges nieder, um ruhend seinen Gedanken nachzuhängen. Je klarer er sich hier die Lage der Dinge vergegenwärtigte, desto schwerer fühlte er die Bedrängniß seines Herzens, das mit der stolz ragenden Burg dort oben auch all sein Glück und alle seine Hoffnung gefährdet wußte. Fügte sich Graf Oswald nicht, so waren seine Tage auf der Hohkönigsburg gezählt, und wenn Imagina behauptete, daß von der Vertreibung der Thiersteiner keine Rede wäre, so war dies ein Irrthum ihrerseits, ein Mißverständniß dessen, was Kaspar ihr darüber gesagt hatte, denn eine Bürgschaft, sie unter allen Umständen auf der Hohkönigsburg zu halten, würden die drei Brüder Rappoltstein niemals übernehmen. Im besten Falle konnten sie beschlossen haben, nach einer Auseinandersetzung mit dem Grafen Oswald nicht zu gestatten, daß die Hohkönigsburg dennoch von ihm geräumt oder ihm mit Waffengewalt genommen würde, nur um dem ehrgeizigen Verlangen Burkhards Genüge zu thun und ihn als Herrn und Gebieter in das mächtige Bergschloß einziehen zu lassen. Und selbst wenn ein derartiger Beschluß gefaßt worden war, so wurde damit doch nicht der Ausbruch der Fehde verhindert, die, wie sie auch verlaufen mochte, leicht eine dauernde Feindschaft zwischen den beiden Grafengeschlechtern Thierstein und Rappoltstein zur Folge haben konnte.
Wo blieben nun vor dem bitteren Ernst der Wirklichkeit die beruhigenden Versicherungen Imagina's, die ihm von ihren Lippen so fröhlich geklungen hatten wie ein Vogellied aus durchsonntem Wipfel. Sie hatte ihn damit nicht einschläfern wollen, hatte in ihrem leichten Sinne, mit dem sie Alles im rosigsten Lichte sah, das selber geglaubt, was sie ihn hatte glauben machen wollen, damit er sich sorglos seines Liebesglückes freuen sollte. Als ihm nun ihre hoffnungsvollen Tröstungen gleich täuschenden Luftspiegelungen zu Nichts zerflossen, da drängten sich ihm wieder die düsteren Prophezeiungen der Zigeunerin auf, die mit schwerem Unheil drohten.
Imagina und Haschop, – wie die gute und die böse Fee in alten Mären kamen ihm die Beiden vor. Die Eine, die Blonde, mit ihrem heiteren Wesen, die ihm das denkbar Beste und Liebste gönnte und ihm lächelnd beistand, es zu erreichen, und die Andere, die Schwarze, die ihm mit grausamen Verwünschungen in den Weg trat und ihm Glück und Freude tückisch zu stören suchte.
Egenolf war kein Kopfhänger und Träumer, der leidend und klagend müßig über sich ergehen ließ, was ihn traf; aber hier war er rathlos. Was sollte er thun? Konnte er den Ausbruch einer Fehde hemmen, zu der sich die mächtigsten Burgherren des Wasgaues rüsteten? Von dem Augenblick an, wo das Schwert das Wort hatte, mußten alle persönlichen Rücksichten schweigen, dann hieß es nur noch: hie Thierstein! hie Rappoltstein! Die einzige Möglichkeit, den Dingen in letzter Stunde noch eine friedliche Wendung zu geben, sah er darin, daß die beiden feindlichen Grafen, wenn sie von der Liebe ihrer Kinder hörten, vielleicht anderen Sinnes und einer Einigung geneigter würden. Wie, wenn er zu seinem Vater ginge und ihm Alles gestünde? Ganz ohne Einfluß auf dessen Beschlüsse konnte die Nachricht von der Verlobung des Sohnes mit der Tochter des Gegners nicht bleiben. Aber das eben war es, was Egenolf von dem Schritte zurückhielt. Er durfte seinem Vater nicht in den erhobenen Arm fallen, ihn durch keine Bitte, keine noch so bescheidene Vorstellung zu bewegen suchen, etwas Anderes zu thun, als was der Vielerfahrene für recht und nothwendig hielt. Und außerdem wollte er ihm das schmerzliche Bewußtsein ersparen, gegen den Herzenswunsch und das höchste Glück seines einzigen Sohnes kämpfen zu müssen. Darum beschloß er, sein Verlöbniß mit Leontinen seinem Vater so lange zu verhehlen, als nicht etwa Ereignisse eintraten, die ihm ein offenes Bekenntniß zu einer Pflicht der Ehre oder der Liebe machten. Auf Leontinens Einverständniß mit diesem Entschlusse, auch ihrem Vater gegenüber, hoffte er zuversichtlich.
Seine Züge hellten sich auf, als er an das verabredete Stelldichein mit der Geliebten dachte. Er sah sie im Geiste schon mit ihrer schlanken, blühenden Gestalt zu Rosse vor sich, wie sie ihn beim Zusammentreffen mit liebreizender Anmuth begrüßte, wie ihre großen Augen ihn freudig anblitzten, ihr Goldhaar im Winde flatterte, und hörte die klangvolle Stimme ihres verführerischen rothen Mundes. Er nahm sich vor, mit ihr oder vielmehr mit ihrem Pferde besondere Reitübungen anzustellen zu dem Zwecke, daß sich Daphne das Scheuen abgewöhnte und keine Seitensprünge machte, sondern in ruhigem Schritt blieb oder muckstill stand, wenn er der Reiterin nahe kam und sich vom Sattel aus zu ihr hinüberbog. Dieses ihn sehr ergötzlich dünkende Kunststück wollte er mit Hilfe Leontinens, auf deren Sicherheit in der Zügelführung er sich verlassen konnte, so lange versuchen, bis es Daphne begriffen hatte, und dann würden sie beide schon dafür sorgen, daß es das gelehrige Thier nicht wieder vergaß.
Er selber aber vergaß Fehde und Feindschaft über dem ihn ganz beherrschenden Gedanken an seinen nächsten Ritt mit Leontinen. Zwei Tage waren es noch bis zum Wiedersehen, zweimal vierundzwanzig Stunden! – nein, soviel waren es, von jetzt gezählt, schon gar nicht mehr.
Das Herz wieder voll Hoffnung, von der er selber nicht wußte, woher sie kam, erhob er sich von dem Eichenstrunk und wanderte mit langen Schritten bergunter zur väterlichen Burg.