Als Egenolf darauf mit seinem Vater allein war, theilte er diesem seine Absicht mit, morgen früh einen Beobachtungsritt in die weitere Umgegend zu unternehmen. Er wollte sich überzeugen, ob die fahrenden Leute, wie sie versprochen, auf dem Posten wären und aufpaßten, und wollte sie nach Neuigkeiten ausfragen.
Schmasman willigte darein, weil es ihm sehr darum zu thun war, Zuverlässiges zu erfahren. Doch ermahnte er den Sohn, scharf Umschau zu halten und sich wohl zu hüten, daß er nicht etwa streifenden Rathsamhausen'schen Reitern in die Hände fiele, die ihn aufheben und als zweite, noch werthvollere Geißel an Burkhard ausliefern würden.
»Seid unbesorgt, Vater!« erwiederte Egenolf, »sie sollen mich nicht fangen, und wo es auf den Wegen nicht recht geheuer ist, werden mich ja die Spielleute warnen.«
Egenolf hatte seinem Vater das Wichtigste seines Vorhabens verschwiegen. Er wollte gelegentlich auch nach den Fahrenden sehen, hatte aber noch ein anderes Ziel, dessen Verfolgung ihm sein Vater vielleicht nicht erlaubt hätte.
In der nächsten Morgenfrühe ritt er, zur Vorsicht mit Sturmhaube, Brustharnisch und langem Schwert gewappnet, von der St. Ulrichsburg ab. –
Drei Tage schon saß Loder in dem hoch gelegenen Gemach auf Rathsamhausen eingeschlossen und bekam keinen anderen Menschen zu sehen als den Knecht, der ihm Speise und Trank, beides gut und reichlich, brachte, ihm aber auf keine seiner Fragen Antwort gab. So wußte er nichts von dem, was außerhalb seines Gefängnisses vorging, und lauschte vergeblich auf Waffengetöse und den Ansturm seiner Befreier, allerdings mit der trüben Aussicht, daß dann wohl sein letztes Stündlein schlagen würde. Jetzt war es Nacht, schon dem Morgen nahe, und Grabesstille im Schloß und rings umher. Der Mond schien in das Zimmer, und Loder konnte nicht schlafen. Er lag in quälenden Gedanken, die aber mit Todesfurcht nichts gemein hatten, sondern zumeist auf seinen lieben gnädigen Herrn gerichtet waren, wie der sich um ihn grämen und sorgen würde, und wie es wohl um den Gang der Fehde stünde, die er seinetwegen nicht aufgehoben oder aufgeschoben wünschte, wenn er auch ihr erstes Opfer werden sollte. Da glaubte er plötzlich in dem Schornstein des großen Kamins ein Geräusch zu vernehmen, als wenn etwas wie ein Kehrbesen die inneren Wände streifte. Er horchte, und das Rascheln wiederholte sich. Schnell sprang er auf und stellte sich abwartend vor den Kamin. Da erblickte er denn beim Schein des Mondes ein aus dem Schornstein herabhängendes Seil, an das in regelmäßigen Abständen Querhölzer geknüpft waren. Es schwankte hin und her, und jetzt kamen zwei Füße, dann zwei Beine und endlich ein ganzer Mensch zum Vorschein, der nun aus dem Kamin heraustrat, – Seppele von Ottrott.
»Seppele! wo fährst Du her?« rief Loder in maßlosem Staunen.
»Das hast Du doch gesehen, Hans!« lachte der Hochhergekommene. »Wozu ist man denn Ofenheizer und Kaminfeger? Schnell zieh Dich an! ich helfe Dir aus.«
»Fort? in die Freiheit?« fragte Loder, bebend vor Freude.