Am nächsten Morgen ertönte vom Bergfried der St. Ulrichsburg wieder der Hornruf des Thürmers, durch den Schmasman seine Brüder Wilhelm und Kaspar zu sich bescheiden ließ. Sie kamen auch alsbald, waren über die Einkerkerung und Todesbedrohung Loders in gleichem Maße empört wie Schmasman und völlig einverstanden mit ihm, daß zur Befreiung des Gefangenen Alles gethan werden müßte, was in ihrer Macht stand. Alle drei beschlossen, die Fehde gegen Burkhard sofort nach Zusammenziehung der verfügbaren Streitkräfte zu beginnen und ihm Angesichts seiner unritterlichen Handlungsweise gar nicht erst förmlich abzusagen.

Nun galt es zunächst, die Freunde zu benachrichtigen und die Lehnsleute aufzubieten. Es wurden kurze Briefe und Befehle geschrieben und Boten zu ihrer Überbringung an die nah und fern hausenden Kampfgenossen abgefertigt. Tags darauf, weil heute keine Zeit mehr zu weiten Ritten übrig geblieben war, sollten die Grafen Wilhelm und Kaspar zu Rudolf von Andlau und Johann von Kageneck reiten und ihnen mit der Rathsamhausen'schen Unthat zugleich die zu Stande gekommene Einigung Schmasmans und Oswalds sowie das auf der Hohkönigsburg stattgehabte Verlöbniß Egenolfs und Leontinens mittheilen. Egenolf aber sollte heute noch dem Grafen Oswald von den jüngsten Ereignissen und den Beschlüssen der Brüder Rappoltstein Kunde geben.

Wie schnell und weit herum das widrige Geschick Loders bekannt geworden war, und welche große Theilnahme es in der Pfeiferbruderschaft gefunden hatte, davon gab die Menge der von allen Seiten herbeiströmenden Spielleute ein beweiskräftiges Zeugniß. Vom frühen Morgen an kamen sie in Rappoltsweiler hereingewandert, einzeln, zu Paaren und Mehreren gesellt, auch solche, die Loder im Pfeifergericht schon einmal mit harten Bußen belegt hatte und die sich doch nun um ihn bangten und für ihn eintreten wollten. Auch ältere und jüngere Frauen und Mädchen kamen mit, und unter ihnen mochte manch Eine sein, die aus früherer Zeit her noch mit alter Liebe an ihm hing. Denn der unbekehrte Hagestolz war in jungen Jahren mit seiner schlanken Gestalt und den lachenden, feurigen Augen ein gar schmucker, geschwinder Gesell gewesen, dem die heiß klopfenden, nicht eben spröden Herzen der weiblichen Fahrenden in Hulden geneigt und ergeben waren, und auch später noch sollte er bei Vielen Hahn im Korbe gewesen sein und sich großer Gunst zu erfreuen gehabt haben; dem liebenswürdigen, verführerisch kecken Trumpeterhans könnte man nichts abschlagen, hieß es stets. Nun waren die einstigen trauten Freundinnen von ihm mitgekommen, um Genaueres über sein Schicksal zu erfahren, und Syfritz war beständig von Fahrenden umgeben, denen er immer und immer wieder Red und Antwort stehen mußte.

Nachmittags hielten sie vor den Thoren der Stadt eine Versammlung ab, in der sie den Gefühlen ihres Herzens mit leidenschaftlichen Worten und heftigen Forderungen Luft machten und sich dahin einigten, allesammt nach der St. Ulrichsburg hinaufzuziehen und von ihrem Schutz- und Schirmherrn die gewaltsame Befreiung Loders zu verlangen. Gegen Abend trafen sie in einer fast zweihundert Köpfe zählenden Schaar im Burghof ein und wünschten den Herrn Grafen zu sprechen. Als Schmasman auf dem Altan, wo er ihre Huldigung am zweiten Pfeifertage entgegengenommen hatte, erschien, riefen sie ihm mit erhobenen Händen in wilder Erregung zu: »Loder befreien! Hans Loder retten! wir wollen unsern Pfeiferkönig wiederhaben!« Er winkte ihnen Schweigen, sagte ihnen, daß er sich über ihre anhängliche Treue zu dem Schwerbedrohten von Herzen freue, und versicherte sie, daß er selber zu dessen Rettung fest entschlossen sei und die dazu nöthigen Schritte bereits eingeleitet habe; der Kampf gegen Rathsamhausen würde in den nächsten Tagen seinen Anfang nehmen und sollte mit allem Nachdruck geführt werden. Da jubelten sie ihm stürmisch und freudig zu, schwangen die Hüte und schrieen und jauchzten ohne Unterlaß. Dank und Segenswünsche für Schmasman wechselten mit zornlodernden Flüchen gegen Burkhard, bis Einer aus der Menge mit einer alle anderen übertönenden Stimme als Sprecher auftrat und zum Altan hinaufrief: »Euer Gnaden Herr Graf, wir Spielleut verstehen uns schlecht auf Kriegsbrauch und Handhabung der Waffen, aber Tag und Nacht, mit Leib und Leben wollen wir Euch helfen und bitten Euch, unsere Dienste nicht zu verschmähen. Wir wollen auf der Lauer liegen und kundschaften, was von den Unternehmungen des Feindes zu erspüren ist. Mit Spähern wollen wir ihn umstellen, damit Ihr erfahrt, was gegen Euch im Werk ist, wo sich reisig Volk blicken läßt, und Alles, was zu wissen Euch nützen und ihm schaden kann, wollen wir Euch sicher und schnell zutragen.« »Ja, das wollen wir! das wollen wir! Tag und Nacht wollen wir Spielleut für Euch auf der Hut sein,« fiel die ganze Schaar begeistert ein.

»Ich dank euch, liebe Freunde, und nehme eure guten Dienste gern an,« sprach der Graf. »Ich weiß, daß ich mich auf euch verlassen kann, und wenn Hans Loder zu retten ist, so rett' ich ihn, darauf geb' ich euch mein Wort. Und damit Gottbefohlen! fahretwohl!«

Er trat vom Altan in das Innere des Schlosses zurück, und wie ein tosender Sturmwind brauste ihm der Jubel der Menge aus dem Burghof nach. Dann zogen sie wieder ab und in froher Hoffnung singend und lärmend den Berg hinunter.

Als Egenolf Abends von der Hohkönigsburg zurückkehrte, fand er seine Eltern mit Isabella schon beim Nachtimbiß. Er hatte ein paar glückliche Stunden bei den Thiersteinern verbracht und bestellte von ihnen, namentlich von Leontinen, die freundlichsten Grüße. Über den Eindruck, den seine Nachrichten dort gemacht hatten, konnte er seinem Vater berichten, daß Graf Oswald das allem ritterlichen Brauch hohnsprechende Verfahren Burkhards mit den schärfsten Ausdrücken verurtheilt, dagegen die Mittheilung von dem Beschlusse, nunmehr, nach einer so verdammenswerthen Herausforderung, ohne Zaudern zum Angriff zu schreiten, mit sichtlicher Genugthuung aufgenommen hätte. Er selber, ließ er sagen, wäre gerüstet und würde seine Freunde Fleckenstein und Hattstadt sofort benachrichtigen, sich gleichfalls kampfbereit zu machen.

Danach ward es still im Gemach unter den Vieren. Sie waren von Sorgen erfüllt und begaben sich frühzeitig zur Ruhe, obwohl sie nicht schlafmüde waren.

Egenolf lag noch lange wach und stellte über die kommenden Ereignisse Betrachtungen an, die ihn auf abenteuerliche, waghalsige Pläne brachten, bis sich ihm die Gedanken allmählich verwirrten und er einschlief. Im hellen Lichte des Tages aber sah er die Dinge klarer und erhob sich endlich vom Lager mit einem gefaßten Entschlusse, dessen Ausführung er jedoch bis zur Rückkehr seiner beiden Oheime von ihrem Ritt nach den Burgen aufschieben wollte.

Gegen Abend kamen die Grafen Wilhelm und Kaspar, Einer nach dem Andern, auf der St. Ulrichsburg an und hatten ihrem Bruder nur Gutes und Günstiges von den befreundeten Rittern zu melden.