Als er allein war, verbrannte er Schmasmans Brief. »Kein Mensch darf erfahren, was darin gestanden hat,« sprach er zu sich selber.

Der Schließer führte Loder in dem gewaltigen, vierstöckigen Burgbau noch zwei Treppen höher in ein Gemach, das einen großen, von schönen romanischen Säulen getragenen Kamin hatte. Sie nannten es im Schloß das Jeratheusgemach, weil vor langen Jahren ein Ritter von einem anderen Zweige des Geschlechts, ein Herr Jeratheus von Rathsamhausen zum Stein, als Gefangener dort gesessen hatte und in dem Zimmer an seinen im Kampf erhaltenen Wunden gestorben war.

Es war allerdings ein ritterliches Gefängniß, in dem sich Loder hier befand, und noch nie und nirgend hatte er einen so behaglichen Wohnraum zur Verfügung gehabt, wie diesen, den man ihm zwangsweise angewiesen hatte. Aber der Freiheit beraubt, zur Einsamkeit verdammt litt er unsäglich, und seine alte, sonst so lustige Spielmannsseele war wie geknickt und gebrochen. Das graue Haupt schwer auf die Hand gestützt saß er am Tische und sann über seine Lage, in die er ohne Schuld verstrickt war, nach. Wenn jedoch Burkhard Wort hielt und Syfritz am nächsten Tage freiließ, so würde dieser auf der St. Ulrichsburg das Schicksal seines Genossen melden, und dann wußte Loder ganz genau, daß Schmasman seinen alten Trumpeterhans nicht im Stich lassen, sondern Alles zu seiner Befreiung aufbieten würde, auch Waffengewalt, um die Mauern seines Kerkers zu stürmen und zu brechen. Aber gerade darin lag die größte Gefahr für ihn, denn er mußte darauf gefaßt sein, daß Burkhard dann mit seiner Drohung Ernst machte und ihn aufknüpfen ließ. Und that er dies auch nicht gleich beim ersten Angriff, so würde er doch seinen Gefangenen die Erstürmung und Übergabe der sehr widerstandsfähigen Burg gewiß nicht überleben lassen.

Burkhard hielt Wort. Am andern Morgen kam der Schließer zu Syfritz und zeigte ihm seine Freilassung an mit dem Auftrage, dem Grafen von Rappoltstein zu verkünden, was Burkhard für den Fall einer feindseligen Haltung Schmasmans über Loder beschlossen hatte. In der Hand hatte er einen in einen Lappen gewickelten Gegenstand, den er jetzt vor Syfritz' schreckstarrenden Augen enthüllte. Es war ein menschliches Ohr. »Damit Dein Herr gleich sieht,« lachte der Vogt, »daß wir hier nicht spaßen und fackeln, schickt ihm Herr Burkhard dieses Ohr, das wir dem Pfeiferkönig gestern Abend noch abgeschnitten haben. Da, nimm es hin und bring es Deinem Herrn als Wahrzeichen.« Mit Schaudern steckte Syfritz das wieder eingehüllte Ohr ein. »Nun trolle Dich und mach, daß Du heimkommst!« fügte der Schließer hinzu.

»Schinder und Schinderknechte! Gott verdamm' euch!« sagte Syfritz, wofür er zum Abschied einen Schlag ins Genick bekam.

Mit welcher fürchterlichen Botschaft ging nun Syfritz dahin! Er eilte nach Leibeskräften, aber in den Städten und Dörfern, durch die sein Weg ihn führte oder die er auf kleinen Umwegen erreichen konnte, hielt er an, erzählte das schreckliche Begebniß, zeigte das abgeschnittene Ohr des allbekannten und allbeliebten Pfeiferkönigs und rief überall Abscheu und Entrüstung über die nichtswürdige That hervor. Wo er Spielleute antraf oder ausfindig machen konnte, da stachelte und hetzte er sie auf und verpflichtete sie, die Kunde von Ort zu Ort weiterzutragen und in der ganzen Pfeiferbruderschaft zu verbreiten. Das versprachen sie gern und thaten es ungesäumt. Sie liefen umher, Einer sagte es dem Andern und dieser wieder einem Dritten, der dann noch ferner Wohnenden die grausige Mär überbrachte: Hans Loder liegt mit Ketten gebunden im Thurm von Rathsamhausen und ist mit dem Tode bedroht, die Ohren haben sie ihm schon abgeschnitten. Einige schlossen sich Syfritz sofort an, und immer mehr gesellten sich auf dem Wege zu ihm, so daß er Abends mit einem Trupp von fahrenden Leuten in Rappoltsweiler ankam, die das fast Unglaubliche in allen Gassen ausschrieen. Bald war es in der ganzen Stadt bekannt, und Jammern und Wehklagen, Wuthausbrüche und Verwünschungen wurden laut.

Syfritz begab sich an dem Abend noch zur St. Ulrichsburg hinauf, wo seine Meldung bei Herrschaft und Gesinde das größte Entsetzen erregte. Graf Schmasman, der sich so gut zu beherrschen verstand, gerieth vor tiefinnerster Empörung über Burkhards ruchlose Behandlung seines Abgesandten ganz außer sich und machte sich bittere Vorwürfe, Hans Loder die erbetene Erlaubniß zur Bestellung des Briefes ertheilt zu haben. Mit zornbebender Stimme erklärte er den Seinigen: »Jetzt einen Strich durch die alte Freundschaft! die ist für mich todt und abgethan. Kein Zaudern, kein Schwanken und keine Schonung mehr! Das Schwert soll entscheiden, und wehe dem verblendeten, gewaltthätigen Pocher, wenn er dem Hans noch das geringste Leid zufügt! Morgen sollen die Boten fliegen, und der Fehderuf soll Herren und Mannen in den Harnisch treiben, die eine Faust zum Dreinschlagen für die drei rothen Schildlein im weißen Felde haben.«


XXII.