Aber Eusebius ging noch nicht, und Burkhard merkte ihm an, daß er noch etwas auf dem Herzen hatte. »Herr von Rathsamhausen,« begann er in seiner sanften Weise, »ehe ich von Euch scheide, habe ich Euch noch etwas zu sagen, etwas, womit ich Euch, so lange Ihr zu leiden hattet, nicht beschweren wollte. Ich bin nicht bloß Arzt, ich bin auch ein Diener der heiligen Kirche, des Glaubens und der christlichen Liebe. Ich bitt' Euch, höret mich ruhig an, edler Herr,« fuhr er fort, als Burkhard bei dieser Einleitung die Stirne krauste. »Ich will hier nicht als Euer Beichtiger auftreten, der ich nicht bin, will nicht rechten mit Euch, nicht mit Strafen des Himmels und der Hölle drohen. Denket, ein alter Freund spräche zu Euch, dem Eurer Seele Heil am Herzen liegt. Macht Frieden, Herr! Frieden mit Euch, mein' ich, gebt Euch selber den Frieden zurück, den Ihr – ich weiß es – schwer entbehrt. Ich frage nicht nach Eurem Streite mit anderen ritterlichen Herren, alles Weltliche liegt mir fern. Ist Euch Unrecht geschehen, so suchet Euer Recht auf gütlichen Wegen, und könnt Ihr es nicht finden, so laßt Den da oben richten und schlichten.«
»Ihr meint es gut, Eusebius,« erwiederte Burkhard, »aber sparet die Mühe, Ihr könnt mir auch hierbei nicht nützen und helfen. Nicht das Kreuz, nur das Schwert kann mich erlösen und mir den Weg in die Freiheit bahnen.«
Der Alte schüttelte langsam das geschorene Haupt und den wallenden Bart. »Weiset mich nicht ab, lieber Herr!« hub er von Neuem an. »Ich möchte Euch den Stachel aus der Brust ziehen und alle Feindschaft, die Ihr dort heget, mit der Wurzel ausreuten. Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, hat ein weiser, ein göttlicher Mund gesprochen, und Der uns diese Lehre hinterlassen, hat sie mit seinem Blute besiegelt. Thut nach seinem Gebote, Herr, eh es zu spät ist, damit Ihr es in Eurem letzten Stündlein nicht zu bereuen habet, damit Eure Seele nicht schuldbeladen von hinnen scheidet und Ihr nicht unversöhnt mit Euren Widersachern hinüber fahret ins Jenseits, wo man nichts weiß von Kampf und Zwietracht, wo ein ewiger, seliger Friede waltet. Wer aber hier nicht Frieden hält und Frieden stiftet, der findet auch da drüben keinen, und die Ewigkeit ist lang, ach! endlos lang. Bedenket, Herr, jeden Tag könnt Ihr abberufen werden aus diesem Erdenleben, und Eure Rechnung hienieden muß beglichen, Euer Gewissen muß rein sein, wenn der Tod kommt und Euch seine kühle Hand aufs Herz legt, daß es still steht und aufhört zu schlagen, zu hoffen, zu fürchten und zu hassen. Macht Euch den Abschied vom Irdischen einmal leicht, Herr! ich sage Euch, ein unbußfertiger Tod ist ein schrecklicher Tod; graut Euch davor nicht? Und dann, – was soll werden mit Euch, wenn dereinst die Posaunen erschallen und die Todten auferstehen zum jüngsten Gericht?«
»Mach' ein Ende, Mönch!« rief Burkhard angstvoll aus, »Du marterst mich mit Deinen Litaneien, und ich will noch nicht sterben.«
»Ich gehe, Herr,« sprach Eusebius. »Der allmächtige Gott erleuchte Euren Sinn und lenke Euer Herz, er sei Euch gnädig in Zeit und Ewigkeit!« Und nach dem Zeichen des Segens verließ er den Zerknirschten.
Burkhard saß, den Arm auf den Tisch gestützt und die Stirn in die Hand gelegt. »Liebet eure Feinde!« murmelte er, »unser Heiland hat es gesagt, aber noch hab' ich Keinen gekannt, der das vermocht hätte. Wie soll ich es anfangen, der sein Leben lang auf einen Schlag immer zwei zurückgegeben hat? Ich kann für meine Feinde nicht flehen: Herr vergieb ihnen! weil ich ihnen selber nicht vergebe und auch von ihnen keine Vergebung verlange. Wenn der Tod kommt, – ja, der läßt sich nicht die Thüre weisen, der packt und schüttelt die Armesünderseele mit seinen Schauern und Schrecken, daß sie zittert und bebt. Sollte das Scheiden leichter sein, wenn man mit aller Welt in Frieden dahingeht? Wer giebt mir Antwort darauf? Ich habe dem Tode oft genug ins Auge gesehen, draußen im Feld, hab' ihn nie gefürchtet, bin ihm hoch zu Rosse, das Schwert in der Faust, entgegengestürmt im fröhlichen Reitergefecht. Aber im Bette, wenn man machtlos liegt wie gefesselt und fühlt, daß er kommt, daß er jeden Tag, jede Stunde einen Schritt näher heranschleicht, Einen abzuholen ins Dunkle, Unbekannte, in ein unverbürgtes Jenseits, von dem kein Mensch weiß, was seiner dort wartet, – davor hab' ich Angst, Angst wie das Kind vor der Ruthe. Wenn ich mir die von der Seele herunterbeten, mich von ihr loshandeln könnte, kein Preis wäre mir zu hoch dafür.«
Immer einsamer ward es um den Gefangenen. Seine Freunde Jost und Schmasman, die er hart vor den Kopf gestoßen hatte, kamen nicht wieder. Der gute Pater Eusebius, der sich stets eine Weile freundlich mit ihm unterhalten hatte, blieb von jetzt an auch weg. Nun sah er Niemand mehr außer dem Thierstein'schen Burgmann, der ihn bediente. Tag und Nacht war er allein in den geschlossenen vier Wänden, allein mit dem bohrenden Groll über sein Schicksal, der nagenden Sorge um seine Zukunft und der brennenden Sehnsucht nach der Freiheit. Diese Drei sogen an seinem Lebensmark wie eine zehrende Krankheit und brachten den an rastlose Bewegung und unbeschränkte Bethätigung seiner Kraft und seiner leidenschaftlichen Gemüthsart Gewöhnten, nun aber zum trost- und hoffnungslosen Ausharren Verdammten an den Rand der Verzweiflung. Legte er sich Abends zur Ruhe nieder, so fand er sie doch nicht. Die Augen konnte er wohl schließen, aber die Gedanken aus seinem zerwühlten Gehirn nicht aussperren. Immer klangen ihm die mahnenden Worte des Paters Eusebius vom letzten Stündlein und vom jüngsten Gericht in den Ohren. Kein Anderer hatte ihm so ans Herz gegriffen wie dieser frommgläubige Mönch.